Hedwig Rosner 1924

Hedwig Rosner wurde 1924 in Wien geboren und lebte mit ihrer Familie im 7. Wiener Gemeindebezirk, wo sie eine Klosterschule besuchte. Durch ihre Mitgliedschaft in der zionistischen Jugendorganisation Betar war es ihr im November 1938 möglich, nach Palästina zu flüchten. Dort schlug sich Rosner zunächst mit zahlreichen Jobs durch, unter anderem als Arbeiterin in einer Ölfabrik. Später war sie in verschiedenen Funktionen im Sozialbereich tätig. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte Rosner in Haifa.

Vollständiges Interview

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Art des Interviews:
Video
Ort des Interviews:
Haifa, Israel
Sprache(n) des Interviews:
Deutsch
InterviewerIn:
Lisa Schulz-Yatsiv
Interviewdauer:
02:26:23
Bestand:
LBI Jerusalem
Sitzungsanzahl:
1
Datum des Interviews:
3. Juli 2013
Hedwig Rosner
Weitere Vornamen:
Yochewed
Geburtsname:
Hedwig Reiss
Geburtsdatum:
1924
Geburtsort:
Wien, Österreich
Fluchtroute
1938 Wien, Deutsches Reich
1938 Netanja, Palästina
Lebensstationen
Hier sind in chronologischer Reihenfolge Orte erfasst, an denen sich die interviewte Person im Laufe ihres Lebens aufgehalten hat.
Wien, Österreich
Haifa, Palästina
Kirjat Bialik, Palästina
Jokne'am, Palästina
Haifa, Israel
Ramat Hadar, Israel
Ramat Gan, Israel
Winnipeg, Kanada
Haifa, Israel
Organisationen
Betar - Wien, Österreich
Ausbildung
bis 1938
Pflichtschule
Klosterschule
Halbgasse, 1070
Wien, Österreich
Pflichtschule
Schule
Haifa, Palästina
Beruf/Beschäftigung

in chronologischer Reihenfolge

tätig im Bereich
Reinigung, Hausbetreuung
Palästina
Jokne'am
tätig im Bereich
Reinigung, Hausbetreuung
Palästina
Haifa
Kellnerin
Hotel- und Gastgewerbe
Palästina
Haifa
tätig im Bereich
Reinigung, Hausbetreuung
Palästina
Jokne'am
Angestellter
Chemie, Kunststoffe, Rohstoffe, Bergbau
Palästina
Kayiat Beach
Krankenpflegerin
Gesundheit, Medizin / Soziales, religiöse Dienste
Israel
Ramat Hadar
Sozialarbeiterin
Gesundheit, Medizin / Soziales, religiöse Dienste
Israel
Sozialarbeiterin
Gesundheit, Medizin / Soziales, religiöse Dienste
Israel
Kanada
Winnipeg
Sozialarbeiterin
Öffentlicher Dienst / Soziales, religiöse Dienste
Israel
„Spricht über“ sind besonders interessante Passagen in den Interviews, die von der Redaktion des Austrian Heritage Archive zusammengestellt wurden.
Antisemitismus vor dem ‚Anschluss‘
Mut einer Schulkameradin nach dem ‚Anschluss‘
Sich alleine durchschlagen als Jugendliche in Palästina
Schuften als Pflegerin und Studium der Sozialarbeit
Antisemitische Erlebnisse in Österreich nach 1945

Teil 1

 

 

LSY: Interview mit Hedwig Rosner am 03.07.2013, interviewt von Lisa Schulz-Yatsiv. Ich fange ganz am Anfang an. Was können Sie mir noch…was für Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Großeltern?

 

HR: An meine Großeltern? Meine beiden Großeltern sind nach Wien gekommen, vor dem Ersten Weltkrieg, weil damals Pogrome waren, in dem Teil Osteuropas wo sie gelebt haben. Und meine Mutter ist mit zwei oder drei Jahren nach Wien gekommen und hat dort erzählt, dass die…sie sind damals weg von dort, wie man ihr Haus abgebrannt hat. Also, die sind damals…das hat damals zu Österreich gehört. Die Ukraine hat zu Österreich gehört. Die sind damals alle nach Wien. In Wien, zweiter Bezirk…die meisten Juden. Bis heute noch ist das meist jüdisch. Und arm, weil sie sind eigentlich mit Nichts weggelaufen von denen. Nun gut, das war…so sind meine Eltern nach Wien gekommen und haben eigentlich schon die europäische, oder die österreichische, Erziehung genossen, weil sie schon in Wien zur Schule gegangen sind. Ich spreche vor allem von meiner Mutter. Die ist schon zur Schule…meine Mutter war Opernfan. Sie war schon eine richtige…eine Wienerin und eine begeisterte Wienerin und ist jeden Sonntag…waren Sie einmal in Wien?

 

LSY: Ja, ich habe da gewohnt, lange Zeit.

 

HR: Sie haben da gewohnt?

 

LSY: Ja.

 

HR: Sie ist jeden Sonntag auf die [Prater] Hauptallee und ist dort ein paar Stunden gestanden, weil der Kaiser ist durchgefahren zum Haus…wie heißt das dort, am Ende von der Hauptallee? Ja, wissen Sie was ich meine? Nur um ihn durchfahren zu sehen. Also, sie war eine sehr begeisterte… Mein Vater…wenn man das Buch von ihm liest…der David sagt da: „Dein Vater war ein dummer Mann.“ Auf die feine Tour. Er war eine Art Patriot ohne Grenze. Trotzdem: Was er gelitten hat, weil er Jude war…speziell mit Finger [Zeigt mit dem Finger.]…weil er Jude war. Er ist ein derartiger Patriot geblieben und dieser Patriotismus ist auch sein Mörder geworden. Denn…soll ich springen?

 

LSY: Können Sie ruhig machen, ich komme dann wieder zurück.

 

HR: Denn wie der Hitler gekommen ist…das erste haben…ich war damals knapp vierzehn und mein Bruder sechzehn, siebzehn. Als erstes haben meine Eltern versucht uns rauszubringen von Österreich. Geld war nicht mehr da, arbeiten konnten wir nicht mehr. Juden konnten keine…nichts mehr machen, eigentlich. Und irgendwie hat mein Vater sich das…er hat sehr, sehr viele nicht-jüdische Freunde gehabt. Noch vom Militär. Und irgendwie konnte das…weil die Gestapo [Geheime Staatspolizei] hat damals…ich weiß nicht, kennen Sie die Geschichte von dem 1.000 Mark pro Kopf verleihen, um sie rauszulassen? Das war ein Vermögen Geld für Leute. Weil unsere finanziellen Verhältnisse sind vor dem Krieg sehr runtergegangen. Nach dem Ersten Weltkrieg haben sie sich ein bisschen heraufgearbeitet. Aber dann irgendwann ist es heruntergegangen und es war… Heute würde ich ihn in der Armut…ich habe als Kind nie gefühlt, dass ich arm bin. Weil ich war immer sehr schön angezogen. Meine Mutter war Schneiderin. Ich war immer nach der letzten Mode, was ich gar nicht gerngehabt habe. Und meine Mutter hat eine sehr bourgeoise Einstellung gehabt. Also, da ist der Violinen-Lehrer ins Haus gekommen und der Französisch-Lehrer ins Haus gekommen, Hebräisch-Lehrer ins Haus gekommen. Sie hat zwölf Stunden am Tag gearbeitet, zu Hause eine Werkstatt gehabt. Und mein Vater hat sich…gerissen und zerfetzt, hat man gesagt, nur um das alles… Und wenn wir Sonntag rausgegangen sind…immer Verwandte besuchen, eine Unmenge Verwandte in Wien gehabt…angezogen, als ob alles… Und dann hat man nicht darüber gesprochen, was die ganze Woche war…

 

 

1/00:05:00

 

 

LSY: Was hat der Vater beruflich gemacht?

 

HR: Er war eigentlich Kaufmannslehrling…Kaufmann. Und sie hatten…er hat ein Geschäft gehabt. Und dann noch ein Geschäft gehabt. Und das ist alles zugrunde gegangen. Und dann hat er versucht, Geschäfte zu machen in…ich kann Ihnen nicht genau sagen was, aber ich glaube, er hat da versucht, dass meine Mutter etwas erzeugen soll was er verkaufen könnte. Aber meine Mutter war…man konnte sie nicht umstimmen. Sie war eine Künstlerin, als Schneiderin. Sie hat gearbeitet für Paris, für London…und hat nichts verdient dabei. Aber das war ihr Stolz, das war ihr Ego. Man konnte sie nicht umstimmen, dass sie Flanellschlafröcke näht. Wir hatten…seit ich geboren war, hatten wir drei…zwei Näherinnen. Bis Hitler gekommen ist…Christinnen. Und dann noch eine Büglerin…drei eigentlich…und die haben bei uns gearbeitet. Und am Ende, am Samstagmittag, hat man sie ausbezahlt. Und da ist meine Mutter…hat jeden ausbezahlt und dann ist sie gesessen und hat gesagt: „Schau! Ist nicht genug zum Leben für die Woche.“ Trotzdem sie für die größten Geschäfte gearbeitet hat, für die größten Firmen. Der Name ist…Wiener, die hier sind, von unserem…sind diese Namen bekannt. Es waren Firmen in Wien. Der David wird sich erinnern. Es sind nur die Namen…gestern hat er mir auch was gesagt. Er hat noch immer ein besseres Gedächtnis wie ich. Gut, also…ich weiß nicht, ob das--

 

LSY: --und wo haben Sie gelebt in Wien?

 

HR: Westbahnstraße 54. Das war eine Wohnung…nach dem Ersten Weltkrieg…alle die an der Front waren, glaube ich, die haben alle Recht auf Wohnung gehabt. Und es hat ja keine Wohnungen gegeben. Der David ist zum Beispiel in einer Baracke im Prater geboren. Nachher haben sie auch eine Wohnung bekommen, in der Piaristengasse. Und wir haben diese Wohnung bekommen im 7. Bezirk. Zwei große, große Zimmer mit großen Fenstern. Eine helle Wohnung, eine sehr schöne Wohnung. Und Kabinett. Zwei Zimmer, Kabinett, das war so, damals. Aber ich erinnere mich an die letzten Jahre, wo ich auch schon ein bisschen verstanden habe…mit vierzehn bin ich weg. Und wenn ich heute daran denke…für mich heißt es heute, dass wir arm waren. Meine Mutter hätte es nie zugegeben. Mein Vater hat es auch versucht zu vertuschen. Feiertage sind bei uns gefeiert worden mit Gästen, mit Kindern, die keine Feiertage hatten…jüdische Feiertage. Mein Vater war nicht fromm, aber war sehr jüdisch, sehr…in seinem Glauben, sozusagen. Aber er war Österreicher und…vielleicht ist das eine Geschichte, wie er umgekommen ist…weil er Patriot war. Er hatte zwei Karten gekauft für den illegalen Transport hierher…wie wir schon weg waren, mein Bruder und ich. Wir sind nicht zusammen weg. Für meine Mutter und für ihn selbst. Und da hat er…er war bei den…wie hat das geheißen, die Soldaten vom Ersten Weltkrieg…das hat einen Namen gehabt…der Verein von diesen Soldaten--

 

LSY: --von den Frontkämpfern?

 

HR: Ja. Ich weiß nicht, ob es nur Frontkämpfer waren, aber das hat einen Namen gehabt…die Soldaten, die…

 

LSY: Es gab den Verein von den jüdischen Frontkämpfern. Oder das meinen Sie nicht?

 

HR: Nein, nein, nicht nur jüdische. Alle diese…mein Vater hatte Freunde, christliche Freunde, von allen Fronten kennengelernt. Und die Freunde sind Freunde geblieben, solange ich mich erinnern kann. [Hustet.] Wir waren eingeladen in Ungarn. Ich war dort einmal. Und dann waren deren Kinder bei uns. Es war eine richtige Freundschaft mit den Leuten. Wie heißt das? Ich kann kein Deutsch mehr.

 

 

1/00:09:44

 

 

Da hat es einen General Sommer gegeben, einen Juden. Und der General Sommer…da war Hitler schon da…hat er sich an meinen Vater gewandt und hat ihm gesagt: „Befehl!“ General Sommer. Mein Vater…wie sagt der David…kindisch wie er war…und er war ein intelligenter Mensch, aber er war verfallen diesem österreichischen… „Du wirst eine Gruppe von Juden nach Polen führen und die werden sich dort arrangieren in Landarbeit und du kommst zurück und fährst dann mit deiner Frau weg.“ Und mein Vater…das war ein Befehl. Vom General Sommer. Er hat Befehle gehört in seiner ganzen Jugend. Er war fünf, sechs Jahre beim Militär dort. Und da hat er…es waren ungefähr 1.000 Menschen, 1.000 Juden, die mussten sich Werkzeug, landwirtschaftliche Werkzeuge kaufen. Sie mussten sich zum Anziehen mitnehmen. Und da war der Zug und mein Vater war der Transportleiter dort…an die Ostgrenze…nicht Polen, aber irgendwie in der Nähe dort…ich weiß nicht, Lemberg oder wie. Er musste sie dort hinbringen und dort einen Zettel…und dann kommt er zurück. Und irgendwo zwischen…vor Lemberg hat der Zug gehalten und man hat allen gesagt: „Aussteigen! Aufstellen!“ Und man hat angefangen sie zu erschießen. Auf einmal, tausend Menschen. Und mein Vater…mit einigen, mit einer kleinen Gruppe, zehn Leute vielleicht…konnten vom Fenster von hinten heraus und sind flüchtend…dort waren Sümpfe, die mein Vater vom Weltkrieg noch sich erinnert hat. Dort konnten sie flüchten, sich verstecken und so ist mein Vater nach Lemberg gekommen.

 

In Lemberg war er ein Jahr. Und dann, wie die Deutschen nachgerückt sind…oder inzwischen sind die Russen dagewesen. Die haben jeden, der Deutsch gesprochen hat nach Sibirien geschickt. Und so ist mein Vater nach Sibirien gekommen. Die haben ja keinen Unterschied gemacht. Juden, Nicht-Juden, Deutsch gesprochen, nach Sibirien. Und da war er zwei Jahre, nicht mehr so gesund und auch nicht mehr so jung und hat für jeden Baum, den er gefällt hat, Brot…so und so viel bekommen, ich weiß nicht was. Und nach zwei Jahren ist er…die waren in einem Camp…Zwangsarbeiter…nach zwei Jahren ist er freigekommen von dort und konnte sich frei bewegen, in Russland. Das war mitten im Krieg. Ich habe Briefe hier von ihm, von unserem…Postkarten. Und er ist zwei Jahre lang…oder ein Jahr, oder zwei Jahre lang…ich habe das schon lange nicht mehr gelesen…von Russland, von Sibirien. Er wollte nach Taschkent, an die südliche Grenze von Russland, um in der Nähe von Palästina zu sein, weil er wusste, dass wir in der Nähe sind. Und er hat mit sich genommen ein Waisenkind, ein Mäderl [Mädchen], die ohne Eltern geblieben ist. Die haben sich im Krieg, im [Zweiten] Weltkrieg in Russland, wo nichts zu essen war…zerrissene Schuhe, nichts mehr gehabt, gebettelt…und haben sich durch…und er ist bis Taschkent gekommen. Und in Taschkent ist er an Typhus gestorben. Zwei Wochen vor Ende des Weltkriegs. Das passiert einem Idealisten. Sei nie ein Idealist! Und die Welt ist sowieso realistisch geworden. Aber mein Vater war unverbesserlich. Unverbesserlich. Er war unverbesserlich. Der David lacht ihn noch heute aus dafür, was kann ich machen.

 

Meine Mutter hatte die Fahrkarte für den letzten illegalen Transport der von Wien heraus ist. Und mit dem ist sie hier angekommen, in Haifa. Da sind zwei Schiffe gleichzeitig angekommen. Haben Sie vielleicht gehört, von der Patria. Sie war am zweiten Schiff. Nachdem die Patria gesenkt wurde von der Haganah, von den hiesigen, absichtlich… Also, das zweite Schiff…die haben sie interniert in Atlit. Und da waren sie…ich weiß nicht wie lange…kurze Zeit, ein paar Wochen. Und wurden dann von den Engländern nach Mauritius transportiert. Und meine Mutter war fünf Jahre in Mauritius, in dem Camp dort. Und bis sie zurückgekommen ist nach Israel…inzwischen war es der Staat. Und inzwischen habe ich schon…war ich schwanger mit meiner jüngeren Tochter. Und wie sie angekommen ist, hat sie gesagt…erst einmal hat sie über den David gesagt…der hat kurze zerrissene Fakirhosen gehabt. Der hat gearbeitet als Landarbeiter. Bin Wäsche waschen gegangen…hat sie gesagt: „Das hast du geheiratet?“ Der hat keinen Namen gehabt. Meine Mutter war so außer sich: „Das hast du geheiratet? Mir ist es in Mauritius besser gegangen wie euch hier. Wir haben dreimal am Tag חצילים [hebr.: Melanzani/Auberginen] gegessen.“ Wir haben effektiv nichts zum Fressen gehabt, der David und ich. Und warum ist es ihr besser gegangen auf Mauritius? Weil die haben sehr schnell…die Frau vom Gouverneur, vom englischen, hat entdeckt, was für eine Schneiderin sie da im Camp hat, hat sie herausgenommen und meine Mutter ist jeden Tag in der Früh zu dem Gouverneur nachhause, hat genäht und ist zurückgekommen, hat etwas gezahlt bekommen und konnte sich Essen kaufen. Also ist es ihr wirklich besser gegangen wie uns. Wir haben nichts zum Fressen gehabt. Ich habe für meine Kinder nichts gehabt. Also das ist…meine Eltern.

 

 

1/00:16:11

 

 

Meine Mutter ist dann schließlich zu uns gekommen. War entsetzt, wie wir gelebt haben. Und hat alles andere im Kopf gehabt wie uns…mir zu helfen. Ich bin nach Hause gekommen von der Geburt, von meiner Kleinen, da war ich zwanzig Jahre alt damals, keine 21. Sie ist an der Nähmaschine gesessen, die man ihr…eine alte Nähmaschine…in Jokne’am haben wir damals gelebt. Haben sie ihr gegeben und sie hat schon gearbeitet und verdient. Aber nicht daran gedacht, uns einen Groschen zu geben, uns zu helfen. Und ich bin nach Hause gekommen vom Spital…ich war zwei Wochen im Spital wegen Kalziummangel, damals. Sie ist nicht einmal von der Nähmaschine aufgestanden, das neue Baby anschauen. Das war mein Verhältnis mit meiner Mutter. Aber mein Vater hat gesagt, wie wir weggefahren sind: „Wenn ihr nochmal eure Mutter sehen werdet, nehmt Verantwortung und passt auf sie auf.“ Und das haben wir gemacht, der David und ich. Muss ich sagen, trotz allem. Vergessen habe ich sie ja nie. Nicht verzeihen…so ein Blödsinn. Ich habe sie nicht vergessen. So war meine Mutter. Man sucht sich seine Eltern ja nicht aus.

 

LSY: Nein, kann man nicht.

 

HR: Und sie hat soviel durchgemacht. Sie hat wirklich sehr viel durch…ich sage nicht, dass es nicht… Manche werden dadurch besser, manche werden schlechter. Ich weiß nicht, ob sie schlecht war…sie hat für sich gesorgt, hat genäht, hat Geld gespart. Und hat einen Mann geheiratet, dessen Frau neben ihr im Lager geschlafen hat in Mauritius und dort gestorben ist. Den hat sie hier geheiratet. Ein sehr, sehr lieber, netter Mann. Und bei seinem Tod war ich…ich bin jeden Tag hingefahren, ihm Suppe bringen, bis er gestorben ist. Also das ist die alte Generation.

 

LSY: Das sind die Eltern. Ich gehe nochmal ein bisschen zurück nach Wien. Was für Erinnerungen haben Sie noch von Ihrer Schule dort? Wie war das für sie? Was für eine Erziehung haben Sie dort bekommen?

 

HR: Ja, Schule…ich will Ihnen sagen: Ich bin in die Schule gegangen, wie die Sozialdemokraten in Wien…und das ist sehr wichtig zu wissen. Sozialdemokraten damals haben sehr viel für Kinder gemacht. Das war zwischen den Weltkriegen. Es war viel Armut in Wien. Und die haben sehr viel für Kinder gemacht. Kinderferienheime, nachmittags…nach der Schule. Und vielleicht noch mehr, was ich nicht wusste. Ich war einige Sommer…ich weiß nicht genau…am Anfang war das irgendwas, was meine Eltern privat gezahlt haben und dann war ich aber doch scheinbar, glaube ich, von den…der David wüsste noch die Namen alle…organisiert von den Kinderheimen…Tagesheime, im Sommer. Die Schule selbst…ich bin ins Kloster gegangen, weil meine Mutter hat gearbeitet, mein Vater hat gearbeitet. Ich bin ins Kloster gegangen bis zur Schule. Ein katholisches Kloster im 7. Bezirk. Ich war dort so glücklich. Da hat man jeden Mittag eine Brotsuppe bekommen. Das war das beste Essen, das ich je…ich war dort so glücklich…diese Klosterschule, die haben auch nie geschlagen…meine Mutter hat mich sehr viel geschlagen. Sie war nervös, sie war über…wie sagt man…überfordert. Mit ihrem Leben. Absolut. Heute verstehe ich das. Damals natürlich… Also, ich war sehr glücklich bei den Klosterschwestern. Und die scheinbar auch mit mir. Ich habe sogar Fotografien vom Fronleichnamsumzug im 7. Bezirk. Fronleichnam, wissen Sie, das…und dann geht man zu der Kirche. Und da ist eine Klosterschwester nach Hause gekommen, hat mir einen fertigen, grünen Anzug gemacht, damit meine Mutter mich mitgehen lassen soll. Und meine Mutter hat Angst gehabt, wenn die Juden mich sehen werden, dort mitten im Fronleichnam. Aber ich bin mitgegangen…hat sie gesagt: „Aber am Eingang von der Kirche…“ Das ist noch immer meine Kirche, in der Westbahnstraße, Ecke Schottenfeldgasse. Kennen Sie die? Schöne Kirche.

 

 

1/00:20:39

 

 

LSY: Schöne Kirche, ja.

 

HR: Meine! [Beide lachen.] Hat sie gesagt: „Dort am Eingang werde ich warten. Gehe nicht herein in die Kirche! Ich warte.“ Und ich habe meine Mutter dort stehen gesehen. „Psst, bin da“, und bin ganz oben gewesen. War sehr stolz. Ich habe es sehr gerngehabt. Und ich bin sogar nach der Schule noch manchmal hingegangen, bis ich es mir langsam abgewöhnt habe. Dann die ersten vier Schulklassen, da hatten wir eine Lehrerin mit dem Namen Mellatz, wenn ich mich nicht irre. Mathilde Mellatz, oder sowas. Das war okay. Ich bin von klein auf sehr selbstständig gewesen und habe von klein auf die Schule versäumt. Was heißt das? Ich bin in der Früh zur Schule gegangen, aber nie angekommen. Ich bin zu Fuß gegangen im Wienerwald, spazieren gegangen in Wien. War zu Mittag wieder zu Hause, wann ich es sein sollte und habe sehr früh angefangen Unterschriften von meinem Vater zu fälschen. Ich hatte dort eine Freundin…ich habe noch immer eine Freundin in Australien, die mit mir manchmal…manchmal habe ich jemanden mitgeschleppt. Meistens allein. Das heißt, ich bin von ganz klein auf durch…ganz Wien hat mir gehört. Ich weiß nicht…meine Mutter hat sich nie um mich gekümmert. Sie war so in ihre Arbeit vertieft. Mein Vater, glaube ich, hat gewusst, dass ich die Unterschrift gelernt habe. Und ich bin eigentlich…es war immer langweilig in der Schule. Interessant ist für mich die Schule geworden erst die letzten ein, zwei Jahre. Ich bin bis zur achten gegangen. Aber da waren schon die Nazis überhand. In unserer Klasse war schon eine Gruppe, eine unterirdische Gruppe von Kindern…wie hat das geheißen?

 

LSY: Hitlerjugend.

 

HR: Hitlerjugend. Und da waren auch Lehrer, die den Unterschied schon gemacht haben. Die haben zum Beispiel, wenn wir Prüfungen oder Schularbeiten gehabt haben, haben die denen ausgebessert und geholfen und die Juden nicht einmal ignoriert, wie man so schön sagt. Also da waren schon--

 

LSY: --wie viele Juden waren in der Schule?

 

HR: Wir waren fünf oder sechs jüdische Mädels zwischen 30 oder 32. Die Klassenlehrerin, Meltz hat sie geheißen…Melt, sowas. Ich habe sie geliebt und geschätzt. Sie war enorm interessant. Sie hat Geografie und Geschichte unterrichtet. Und zu ihr bin ich gegangen. Sie war sehr…ich habe sie sehr geschätzt. Aber wie der Hitler gekommen ist, ist sie sofort Schuldirektorin geworden. Das heißt, sie war auch schon illegaler Nazi. Aber es hat scheinbar illegale Nazis gegeben, die trotzdem menschlich waren zu anderen Menschen. Das hat es auch gegeben. Da ist aber dann aus Deutschland ein kleiner Mann gekommen, so groß war er. [Deutet mit der Hand die Größe an.] Der ist Klassenlehrer geworden, anstatt ihr. Sie ist sofort Direktorin geworden. Und der hat am zweiten Tag schon gesagt: „Alle Juden aufstehen und in die letzte Bank gehen.“ Die Bänke waren viersitzig. Viersitzig in der Klasse. Also, alle sind aufgestanden, haben sich niedergesetzt, aber ich war die fünfte sozusagen. Ich bin übergeblieben. Und das war eine leere Bank. Und da hatte ich eine Freundin…sie war gar nicht so eine Freundin, aber sagen wir Freundin. Sie war nicht Freundin, ich habe sie nicht ausgesucht, wir waren nicht besonders…aber sie war auch mit mir im Kloster. Ich habe Fotografien von ihr. Sie war auch im Kloster. Und diese…Christine Danek hat sie geheißen…mir wird kalt am Rücken, wenn ich daran denke…ein bisschen läuft es mir kalt über den Rücken. [Deutet auf ihren Rücken.] Diese Christine Danek…wie ich aufgestanden bin und sie hat gesehen, dass ich allein auf der Bank sitze…sie ist aufgestanden, hat sich neben mich gesetzt. Das war im [19]38er-Jahr. Man wusste schon was mit den Juden geschieht. Sie haben schon den Boden gerieben, haben die Straßen gewaschen, man hat sie schon eingesperrt. Diese Christine Danek…das heißt, mit dreizehn, vierzehn Jahren…unvergesslich…hat sich neben mich gesetzt.

 

 

1/00:24:55

 

 

Viele Jahre später habe ich ein Programm gehört…wir waren nicht besonders befreundet. Wir waren Freunde, dass wir uns gegenseitig besucht haben. Aber das war einfach, weil wir zusammen aufgewachsen sind. Und weil es ja ein Mensch war. Und die Eltern haben gehabt, am Brunnenmarkt a Standl [einen Stand], also nicht Philosophen…einfach Menschen. Das hat sie…die Christine Danek. Ja, da habe ich hier ein Programm gehört in Deutschland…man sucht Verwandte, man sucht Bekannte, man sucht. Jahre später. Ich habe dort hingeschrieben: „Ich suche eine Freundin.“ Und habe ihnen geschrieben. Ich habe diese…Schallplatte heißt das. Die haben mir gegeben von dem in München, diese Aufnahme, diesen Film, den habe ich da sogar. Dass ich möchte sie gerne sehen und mich bei ihr bedanken, was sie damals… Ich habe Jahre später begriffen, was sie für mich getan hat. Wie wir Kinder waren, konnte ich das ja nicht so… Und die haben sie wirklich gefunden. Das heißt, es hat sich jemand gemeldet, eine Verwandte von ihr, die gesagt hat: „Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“ Christine Danek. Die haben mir dann…von dieser Television haben sie mir diese Platte geschickt. Erlebnisse, die man nie vergisst. Erlebnisse, die auch den Menschen bilden, wie sagt man…formen. Weil ich habe nie…nie Unterschiede gemacht zwischen Jud‘ oder Nicht-Jud‘. Ich habe mir die Menschen immer angeschaut. Ich habe immer die Menschen angeschaut und danach beschlossen: Ist es ein Freund oder ist es kein Freund? Alles andere war mir nicht wichtig. Und so habe ich bis heute viele christliche Freunde in Deutschland. Da kann ich Ihnen die lustigsten Geschichten erzählen, die fast unglaublich sind. Und bei den jüdischen Freunden auch nicht sehr sympathische. Aber mir war das wurscht [egal]. Freunde, die Nazis waren…zugegebene, geborene Nazis…Muttermilch-Nazis, mit denen wir gute Freunde geworden sind. Also, da ist immer eine Geschichte dabei--

 

LSY: --da müssen sie später noch mehr erzählen.

 

HR: Also das war mir wurscht. Schule--

 

LSY: --also sie hatten auch als Kind dann in der--

 

HR: --ich habe beschlossen, ich werde Schneiderei lernen. Meine Mutter war Schneiderin. In Wien konnte man nirgends irgendeinen Beruf lernen. Nur Juden bei Juden. Kein Christ hätte einen Juden angestellt. Meine Mutter…wir haben manchmal sechs, sieben Mädel [Mädchen] bei uns arbeiten gehabt. Aber als Lehrmädel hat meine Mutter immer eine Jüdin genommen und hat den anderen erklärt: „Tut mir leid. Aber diese Mädel müssen auch einen Beruf lernen. Und Christen werden sie nicht mehr anstellen.“ Das habe ich so mitbekommen als Kind. Meine Eltern waren nicht fromm, aber traditions…wie sagt man?

 

LSY: Traditionell.

 

HR: Tradition. Also, jüdische Feiertage haben wir immer schön gefeiert. Ich erinnere mich, einmal hat mein Vater den Bar-Mizwa-Anzug von meinem Bruder ins Versatzamt gegeben, damit wir feiern konnten, diesen…Pessach. Aber dazu habe ich Freundinnen eingeladen, bei denen man zu Hause das nicht gefeiert hat. Und ich habe…der David, dem ist das…war wurscht und ist bis heute wurscht. Er will überhaupt nichts von Juden wissen. Er wollte nicht. Und ich habe ihm immer gesagt: „Das ist gar nicht wichtig. Das ist deine Erziehung, dein Leben. Tut mir leid um dich, aber bitte. Das hast du versäumt.“ Weil das Einzige, was ich mitgenommen habe in vierzehn Jahren, waren die Erinnerungen an diese Feiertage. An das Bewusstsein, dass ich zum Judentum gehöre. Ich gehöre zu jemanden. Es können Zigeuner sein, es können Neger sein, aber ich…zufällig, ich gehöre dazu. Und ich gehöre dazu, weil das schön ist. Weil da waren die schönen Feiertage. Also für mich war das absolut ausschlaggebend, dazuzugehören. Und ich habe beschlossen--

 

 

1/00:29:39

 

 

LSY: --ist die Familie manchmal an den Feiertagen auch zum Tempel gegangen?

 

HR: Mein Vater immer. Mein Vater hat einen Tempel gegründet, in der Schottenfeldgasse. Schottenfeldgasse Nummer…ich müsste nachschauen vielleicht. Ich habe es fotografiert. Da haben sie vor…einen wunderschönen Tempel, klein, wunderschön. Er hat das zusammengeschnorrt, wie man so schön auf Französisch sagt. Kristallleuchter und so. Alle möglichen Juden haben gespendet, einen wunderschönen… Und da war er natürlich sehr angesehen. Was finanziell schon nicht mehr…er hat nicht mehr verdienen können und sich damit irgendwie wichtig machen, als Mann, sagen wir. Aber dort war er, weil er einer der Gründer war. Und dort haben wir auch unsere Kindheit verbracht. Da haben sie vorher einen Stolperstein…wissen Sie, was Stolpersteine sind? Und die Parteien von dem Haus haben das nicht erlaubt. Da hat die sozialdemokratische Jugendbewegung in front von dem Haus eine Säule hingestellt. Ich habe sie fotografiert. Ich war dort, ich habe mir das angeschaut. Eine Säule zum Andenken an diesen Tempel. Es gibt in Wien – wahrscheinlich heute noch mehr wie vor zehn oder fünfzehn Jahren – sozialdemokratische Jugendliche, die sich dafür eingesetzt haben.

 

LSY: Die da sehr aktiv sind.

 

HR: Naja, man…überall, alle möglichen…Kraut wächst ja über verschiedene Begrenzungen.

 

LSY: Können Sie mir noch ein bisschen erzählen von…Sie haben erzählt, Sie sind viel in Wien immer rumgelaufen, weil Sie nicht zur Schule gegangen sind. Was waren Ihre Lieblingsorte? Was mochten Sie besonders?

 

HR: Ich habe mich nicht ausgekannt in Wien, ich bin einfach gegangen. Mein Vater hatte zehn Geschwister und meine Mutter sechs, alle in Wien gelebt. Mein Vater…außer einem. Alle Familien mit Kindern. Diese Familien haben sich jeden Sonntag getroffen, bei jemandem. Und nicht alle konnten was aufwarten. Hat man nicht. Dann hat man eine große Schüssel Bohnen gegessen, zusammen. Oder meine Mutter hat Strudel gemacht en gros – sie war wunderbar im Strudel machen. Wir haben ein sehr enges Verhältnis mit der Familie gehabt…und mit meinen Cousins, da waren eine Menge Cousins. Weil das ist typisch für Immigranten. Immigranten, die sich im Ausland treffen, die halten zusammen. Und so war das…unsere Familie. Und ich habe das nur genossen. Ich habe mit meinen Cousins, die noch leben, bis heute Verbindungen in der ganzen Welt…und wir hatten sie die ganzen Jahre in der ganzen Welt…Verbindungen…die Cousins. Was haben Sie gesagt? Tut mir leid.

 

LSY: Sie haben gesagt, dass Sie jetzt Wien nicht kannten, sondern einfach immer--

 

HR: --gegangen,. Ich bin gegangen und zwar habe ich angefangen zu gehen…ich wusste, ich muss um ein, zwei Uhr zu Hause sein. Das ist mir mein ganzes Leben gelungen. Also meine Mutter hat nichts gewusst oder nicht wissen wollen. Mein Vater hat auch nichts gemacht. Ich bin immer losgegangen von zu Hause an dieser Kreuzung, glaube ich: grad, rechts, grad, rechts, grad, rechts, grad. [Deutet Richtungen an.] Irgendwo komme ich einmal raus. Oder links, oder…irgendeinen dummen Weg habe ich mir gemacht. Ich habe keine Straßen gekannt. Und so bin ich gegangen…so irgendwie. Aber überall in Wien habe ich Verwandte gehabt. Und wenn ich da angekommen bin mit der Zunge draußen, dann bin ich immer zu irgendeiner Tante gekommen und die haben mir das Fahrgeld gegeben zum Zurückfahren.

 

LSY: Die wussten also, dass Sie die Schule schwänzten?

 

HR: Ich nehme an. Sie haben mich nie gefragt. Aber das war sehr schön. Ich bin im Wienerwald unter einem Baum gelegen und…ich war sehr viel alleine. Sehr viel alleine. Was mir später geholfen hat, weil ich ja hier auch alleine war. Und was mir heute auch hilft, muss ich sagen. Ich denke zurück an die Jahre, wo ich immer allein war und wenn jemand glaubt, das ist mir schwer, weil ich allein bin. Ich sage nicht, dass es mir leicht ist. Es wäre schöner mit dem David. Aber wenn ohne David, dann bin ich eben allein. Also, das Ende ist wie der Anfang, irgendwie.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Die Onkel von meines Vaters Seite waren meistens arm, aber sehr gutherzig. Die Tanten, Onkel meiner Mutters Seite, die waren besser situiert, aber geizig. Also ich habe auch langsam gelernt, wo ich herein soll, und wo ich nicht herein soll. Das habe ich auch langsam… Naja, man wird erwachsen. Mit vierzehn, wenn man so lebt wie ich damals gelebt habe. Und das waren die letzten Jahre, ich erinnere mich. Und immer Sonntag heraus…immer tadellos angezogen, ich nach der letzten Mode. Meine Mutter. Aber unter der Woche hat sie mich manchmal geschickt, sagt sie: „Hedwig, geh herunter. Kauf eine Schachtel Sardinen und Brot und lass aufschreiben.“ Und das war mit sechs, sieben Angestellten in der Werkstatt…die teuersten Sachen genäht, geschickt worden nach Paris und das…und für die Arbeit…das heißt für die Heimarbeit ist nicht genug geblieben für die ganze Woche für die Familie. Das waren die Zeiten damals in Wien. Zum Ende zu…[19]38er-Jahr, was ich mich erinnere. Vorher war ich zu klein.

 

 

1/00:35:39

 

 

LSY: Waren Sie in irgendeiner Jugendorganisation oder so?

 

HR: Ja, bestimmt war ich. Ich bin mit…mein Bruder, meine Cousins, die alle älter waren wie ich…zwischen den Cousins habe ich zu den jüngsten gehört. Zwei oder drei waren jünger wie ich. Eine Menge Cousins. Die waren alle im Betar. Sagt Ihnen das was? Revisionistische Partei. Und ich bin einmal meinen Bruder abholen gegangen von dem Jugendheim, wo er war, auf der Mariahilfer Straße…und von der Westbahnstraße die ganze Kaiserstraße runter war ein langer Weg für ein kleines Kind. Ich war damals sehr klein. Aber ich war ja gewöhnt allein zu gehen. Und bin mit der Puppe meinen Bruder holen gegangen. Und wie ich dort angekommen bin, war niemand da. Das war eben ein Kellerlokal. Nur ein Mann war dort…das war wahrscheinlich ein Bursche, aber ich war klein und er war… „Wen suchst du?“ Sage ich: „Den Kurt Reiß.“ „Ah“, sagt er, „hast du eine schöne Puppe.“ Ich war so begeistert. Jemand hat sich endlich um mich gekümmert, um meine Puppe. Und da habe ich beschlossen: Dort will ich auch hingehen. Nicht wegen der Politik, nicht wegen der Ideologie, wegen gar nichts. Nur weil der…Korteck hat der geheißen…ich erinnere mich an ihn, der Korteck…ich soll ihn fangen mit der Puppe. Und ich war im Betar, ich habe auch Fotografien von mir in der Uniform. Und mein Vater hat immer gesagt: „Die jüdischen Nazis.“ Weil wir haben eine braune Uniform gehabt, weiße Stutzen. Also, mein Vater hat das nicht wollen, er hat es uns nicht erlaubt. Aber wir haben immer nicht gefragt, ich meine…er war der Österreicher, Patriot. Und wir sind die…das war eine… Der Betar in Wien war eine Mittelklasseorganisation. Es hat andere jüdische Organisationen gegeben. Arbeiter und…aber das war so eine Mittelklasseorganisation. Ich war dort in der kleinsten Gruppe, das heißt jüngsten Gruppe…und mit denen bin ich ja dann auch gekommen. Die das organisiert haben. Aber mein Vater war so liberal…er wollte uns nicht dort sehen, aber er hätte uns nie etwas verboten.

 

Und sogar wie ich schon hier war, da war ich…going on 50…nachdem ich weggelaufen bin. Also, mein Ankommen da war auch eine Geschichte. Da bin ich dann untergekommen in einem WIZO-Heim [Women´s International Zionist Organization]. Für junge Mädchen. Sehr schön, sehr vornehm…sehr schön. Und die Schule war in Haifa, in der Hermontraße. Und das Heim war in Kirjat Bialik. Und da waren acht Mädel, glaube ich, untergebracht, mit einer Heimmutter. Sehr schön. Für meine Begriffe luxuriös. Und wir sind jeden Tag nach Haifa gefahren zu der Schule. In der Hermonstraße. Von der WIZO. Und ich komme dort in die Schule, ich kann kein Wort Hebräisch. Und ich sitze dort, ich verstehe nicht, was sie wollen, was sie dort reden. Aber das Einzige was ich gesehen habe, waren die Ziffern an der Tafel rechnen und das habe ich lange hinter mir gehabt. Wir waren viel weiter in Wien wie dort…wie man mich in die Klasse dort gesteckt hat. Aber ich bin dort gesessen, weil ich habe ja nichts Anderes gewusst zu machen. Und eines Tages sagt die Lehrerin zu mir, in einem Ton, der mir nicht gefallen hat: „Warum hast du kein Heft?“ Und da bin ich aufgestanden, aus der Klasse rausgegangen und wurde nie mehr gesehen dort. Mich beleidigen, warum ich kein Heft habe? Woher soll ich ein Heft nehmen? Damit war Schluss für mich…meine Fortbildung. Und ich habe dieser Heimmutter gesagt…jetzt weiß ich, warum ich mich dran erinnert habe…der habe ich gesagt: „Ich brauche niemanden, der mir was schenkt.“ Mein Vater hat gesagt: „Nimm nie Geschenke von jemanden! Arbeite und iss was du dir erarbeitet hast.“ Das habe ich mein Leben lang gehalten und er hat Recht gehabt. Er hat recht gehabt. Nicht leicht, aber er hat recht gehabt. Und habe ihr gesagt: „Ich will arbeiten gehen. Ich kann arbeiten. Ich bin jung, ich bin gesund, ich kann arbeiten, mir mein Brot verdienen.“ So wie mein Vater gesagt hat.

 

 

1/00:40:24

 

 

Und sie hat mir damals Arbeit verschafft bei einem Hundezüchter in Kirjat Bialik. Dr. Menzel, der ist berühmt geworden hier. Die haben Hunde dressiert für die Polizei in Hebräisch, schon in Österreich. Die haben in Österreich schon die Hunde dressiert und nach Palästina geschickt, für die illegale Haganah und was da so war. Und dort hat sie mich untergebracht. Und da habe ich gearbeitet, aber da war eine Sache. Der Verstand mit vierzehn oder mit fünfzehn ist nicht mehr wie er ist… Und ich habe Hunde immer gerngehabt. Aber dort haben die Hunde Teller gehabt…jeder Hund hat seinen Teller gehabt. Ganze…viele Hunde. Wir haben aus den Büchsen gegessen. Und das war zu viel für mich. Das war zu viel. Ich war nicht verwöhnt von zu Hause, aber aus Büchsen essen… Und in der Früh, ich bin aufgewacht, da habe ich lauter Hunde im Bett gehabt. Aber die Leute waren sehr lieb zu mir. Dr. Menzel, bekannt im Land…bekannt geworden. Und eines Tages kommt eine Bekannte zu mir, die mit mir am Schiff gekommen ist – wir waren über sechs Wochen auf vielen Schiffen, bis wir angekommen sind – und hat gesagt: „Man hat mir gesagt, du bist da. Ich habe einen Arbeitsplatz gefunden in Jokne’am. Weißt du was? Komm auch nach Jokne’am, dann bist du nicht allein und ich bin nicht allein.“ Und ich habe…das war meine erste große Lüge, an die ich mich bis heute erinnere. Ich habe nie gelogen und seither nicht gelogen. Aber das war meine erste. Und da habe ich dem Dr. Menzel gesagt: „Ein Onkel von mir ist im Hafen angekommen, ich möchte ihn abholen.“ Und sie hat mir Geld gegeben, ich soll mir was zu essen kaufen. Und bin mit ihr nach Jokne’am gefahren und habe dort einen Arbeitsplatz gefunden und dort bin ich geblieben. Ich bin zurückgekommen, meine Sachen holen und ich habe seither nicht gelogen. Aber das war die Lüge. Und das hat mein Schicksal bestimmt, weil in…nach Jahren…also Jokne’am war sozusagen, wo ich als Jugendliche gearbeitet habe…schwer gearbeitet. In Jokne’am waren meistens Europäer. Ein kleines Dorf, wissen Sie? Heute ist es riesig.

 

LSY: Heute ist es groß, ja.

 

HR: Ja. Damals waren es 30 Familien. Die meisten Europäer und auch einige Asiaten, oder…ob das ein Marokkaner…Iraker, glaube ich, ich weiß nicht. Ich habe damals den Unterschied überhaupt nicht gewusst. Und ich habe dort Arbeit gefunden bei einer Familie aus München…Juden, ich spreche von Juden jetzt. Die einen großen משק [hebr.: Bauernhof] gehabt haben, mit vielen Kühen und Obstplantagen…und so weiter gehabt haben. Was sie nicht gestört hat, mich mit keine fünfzehn Jahre, um sechs Uhr in der Früh aufzuwecken und bis zwölf habe ich gearbeitet. Ich habe gearbeitet ohne Schuhe, weil ich die Schuhe sparen wollte die ich im Rucksack mitgebracht habe. Ich habe mir keine Schuhe gekauft. Und nicht nur das. Ich sollte…ich glaube, das war ein Pfund damals im Monat Gehalt…und habe im ersten Monat einen Teller zerbrochen. Ich werde Ihnen gleich sagen wieso und warum. Und da haben sie mir abgezogen 25…was war das damals…Groschen oder pennies, oder wie das geheißen hat. Ich erinnere mich nicht. Das war noch vor dem Juden-Schekel. Mir nie zurückgegeben. Eineinhalb Jahre habe ich dort gearbeitet, mir nie zurückgegeben diese 25 von dem einen. Und das war eine kultivierte, deutsche Familie aus München. [Hebt die Stimme.] Sie war die Krankenschwester, die Oberschwester dort, Krankenkasse…am Samstagabend ist der Arzt gekommen vom Kibbuz Hasorea und hat dort Klavier gespielt und Konzert und sich sehr intelligent unterhalten. Und ich bin gesessen, habe gewartet, bis die Gäste weggehen…bis elf, zwölf Uhr nachts. Die waren so dreckig, diese kultivierten Juden. [Lacht.] Wissen Sie, Menschen haben solche…attitudes…das ist gut und das ist schlecht und das und das. Ich habe Menschen kennengelernt, alle möglichen Farben, alle möglichen Hintergründe, alle möglichen das…und dazwischen waren die größten Gauner, Verbrecher, dreckes. Und die anständigsten Menschen, die man sich denken kann. Diese Familie zum Beispiel…in meinem Tagebuch habe ich das geschrieben…Familie Rotter aus Jokne’am. Und die Behandlung…immerhin, ich war fünfzehn Jahre alt. Gib mir zumindest Gehalt, das mir gebührt. Und gearbeitet sechzehn Stunden am Tag.

 

 

1/00:45:48

 

 

Dort war ein Arbeiter auch, ein Landarbeiter…der hat auch dort gewohnt, Simon Gross. Der war Medizinstudent in Paris und dann, wie der Hitler nachgekommen ist nach Paris, ist er geflüchtet und nach…geendet als Landarbeiter, auch bei dieser Familie Rotter. Nur er war älter als ich, er war auch gescheiter als ich. Er war der einzige Mensch, der mit mir gesprochen hat. Samstag, wenn man nicht gearbeitet hat…die waren fromm. Natürlich waren sie fromm, feine Leute. Abgesehen von den 25 Groschen. Aber er hat…am Samstag hat er mir ein Buch zu lesen gegeben und wir haben das Buch zusammen besprochen. Und er war der einzige Mensch, der mich menschlich behandelt hat. Und der vielleicht auch erkannt hat…meine Neugierde, irgendetwas zu lernen. Das war der Simon Gross. Viele, viele Jahre später…ich bin dann von dort weg, nach Haifa, habe mich…das ist auch eine Geschichte. Der Simon Gross, der hat mich zusammengebracht mit dem David. Ich bin nach Jokne’am gekommen…ich habe Gelbsucht bekommen in Haifa…ich habe dort fürchterliche Jahre durchgelebt in Haifa. Ich habe bei einer Freundin gewohnt. Gehungert, gearbeitet, schwer gearbeitet in Restaurants. Und habe Gelbsucht bekommen und bin zwei, drei Wochen…war ich schon am Sterben…hohes Fieber, kein Arzt, kein Hund hat sich beschwert. Und habe beschlossen, ich sterbe auf der Straße. Da war ich schon siebzehn. Und gehe auf die Straße und…wie sagt man…wie Gott will, fährt ein Auto an mir vorbei und da sitzt der Herr Rotter drin. Der hat damals ein Auto gehabt. Er hat gesagt: „Ja Hedi, wie schaust du aus?“ Also ins Auto, hat mich sofort mitgenommen nach Jokne’am. Und da war ich einen Monat dort. Sie haben inzwischen jemanden gesucht zum Arbeiten. Also, das hat er auch im Kopf gehabt. Aber ich habe inzwischen was zu essen gekriegt. Ich war dort einen Monat. Und dieser Simon Gross, der mit mir gearbeitet bei Rotter, Jahre vorher, der hat dem David gesagt, der inzwischen nach Jokne’am gekommen ist…seine Umwege. „Du, da ist a [eine] Wienerin, die sollst du kennenlernen.“ So haben wir uns kennengelernt. Und wir haben einen Monat später geheiratet. Am 1. Mai war der Anfang und am 28. Mai haben wir geheiratet.

 

LSY: Sehr entschlussfreudig. [Lacht.]

 

HR: Ja, wir sind über 70 Jahre verheiratet, 71 Jahre. Das ist…ich weiß nicht, ist das interessant?

 

LSY: Ja. Ich gehe nochmal zurück…weil ich habe noch zwei, drei Fragen zu Österreich und dann kommen wir noch zu Israel. Wo damals die Nazis in Deutschland [19]33 an die Macht gekommen sind: Können Sie sich erinnern, dass Sie in ihrer Familie, oder Ihre Eltern auch, schon darüber gesprochen haben? Hatte man Angst, dass das auch in Österreich passiert?

 

HR: Nein.

 

LSY: War kein Thema?

 

HR: Vielleicht haben sie darüber gesprochen, aber ich war beschäftigt mit…ich bin auf der Straße rumgelaufen. Ich habe mich mit zwölf einschreiben lassen in der Arbeiterbibliothek auf den Namen meiner Mutter, weil ich…Jugendliche haben sie nicht genommen, erst ab einem gewissen Alter. Also…auf den Namen meiner Mutter…und da habe ich angefangen zu lesen. Und ich habe soviel gelesen, das war für mich… Also das war wahrscheinlich…dazu habe ich auch nicht viel gehört zu Hause. Ich bin…wenn ich zu Hause war, habe ich gelesen. Ich habe einen enormen…ich habe damals Bücher gelesen, die heute – würde ich sagen – über meinen Grenzen waren. Ich habe damals, ich erinnere mich, schwere Bücher gelesen. Ich habe sie später nochmal gelesen. Also [Leo] Tolstoi und dieses Niveau ungefähr. Ich habe mich…ich war sehr…weiß ich nicht. Weiß ich nicht. Aber natürlich, die Verhältnisse sind immer schwerer geworden. Das habe ich verstanden. Weil ich musste ja die Sardinen dort aufschreiben lassen. Habe mich immer sehr geschämt. Das weiß ich.

 

 

1/00:50:18

 

 

LSY: Können Sie sich noch an irgendwelchen Antisemitismus erinnern vor [19]38? Irgendwelche Beleidigungen, irgendwelche--

 

HR: --naja sicher. Ich hatte einen Milchbruder. Wissen Sie, was ein Milchbruder ist? Vis-à-vis bei uns in der Westbahnstraße war ein Hausmeister…Hausbesorger. Und die hat einen Buben geboren, wie ich geboren wurde. Und meine Mutter hatte keine Milch. Und gegen Bezahlung hat sie mich mitgefüttert, sozusagen. Der hat auch Kurt geheißen. Milchbruder hat das damals… Und ich habe gewusst, wer das ist, weil die sind weiter geblieben dort – Hausbesorger – und wir haben weiter dort gewohnt. Und da gibt es den Urban-Loritz-Park in der Westbahnstraße und dort bin ich eigentlich aufgewachsen, als kleines Kind. Und Freunde von dort…und dieser Kurt…ich weiß immer noch, wie er geheißen hat, mein Milchbruder. „Saujüdin! Geh’ nach Palästina!“ Hat mich angespuckt und so weiter. Und ich habe mich immer gewundert. Eigentlich sind sie doch verwandt…ich habe nicht genau verstanden wieso, aber wenn man mir erzählt hat, das ist mein Milchbruder…also, das ist ein Erlebnis. Aber ich habe dort…dort waren noch andere. Man hat mein Auge verletzt mit einem Diabolo-Stab damals…Nazi. Ein Nazi hat sich nicht gewusst.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Aber auf die Juden: „Du, geh’ nach Palästina!“ Und so weiter. Aber ich habe ihm gesagt: „Warte nur, mein großer Bruder kommt, der wird dich schon verhauen!“ Und das war so meine Rettung immer, im Park. Weil ich war sehr viel im Park. Weil meine Eltern haben keine Zeit gehabt für mich. Das erinnere ich mich. Was meine Eltern, glaube ich…meine Mutter war so vertieft in ihre Arbeit. Und mein Vater…mein Vater war mit den…wie heißt das auf Deutsch? Nicht…Vegetarier sage ich--

 

LSY: --wie heißt das auf Hebräisch?

 

HR: Veteranen! [Klatscht in die Hände.]

 

LSY: Veteranen! Jetzt haben wir es. [Beide lachen.]

 

HR: Der war so…in dem Verein. Das war sein Leben. Seine Uniform…der hat seine Uniform gepflegt. Und der hat diesen…Haarnetz…Schopf…Pferdedings gehabt, auf diesem Dings. Ich habe Bilder davon. Die hat er gepflegt…das war sein Leben. Das war sein Stolz. In dem Maße, wo ich verstehe heute, wie sein Stolz heruntergegangen ist, weil er nicht verdienen konnte, weil er nicht arbeiten konnte. Mein Vater war so ein fleißiger Mensch, aber es hat ja nichts gegeben für Juden. Und er hat auch kein Anfangskapital gehabt. Woher denn? Und war eigentlich abhängig von dem Verdienst von meiner Mutter, die so schwer gearbeitet hat. Das, glaube ich, hat sein ego…seinen Stolz gehalten. Und wenn dann noch der General Sommer…er soll sich im Grab umdrehen…wenn der noch zu meinem Vater gesagt hat: „Du wirst die Juden nehmen und ihnen dort…eine Kolonie helfen.“ Und der Hund hat genau gewusst…weil der General Sommer hat geendet in England, mit viel Geld.

 

LSY: Der wusste davon?

 

HR: Ich weiß nicht. Ich weiß nicht genug, um darüber etwas zu schreiben. Und ich will sicher nicht etwas schreiben, was nicht stimmt, weil der hat ja auch Kinder und so weiter. Aber ich habe mein ganzes Leben gehofft, dass irgendjemand sich dem annehmen wird…diesen General Sommer, der verdient hat, von den Nazis, von der Gestapo, von den Juden, von allen. Er hat geredet, er hat organisiert, er hat uns herausgeschickt, das ist richtig, aber…er hat nicht schlecht gemacht [meint: verdient] dabei.

 

 

Ende von Teil 1

 

 

Teil 2

 

 

LSY: Was für Erinnerungen haben Sie noch vom Anschluss selber? Also wirklich vom März [19]38.

 

HR: Ich erinnere mich, ich bin gestanden und war auf der Ringstraße…vierzehn Jahre, allein, Millionen Menschen…wie der Hitler einmarschiert ist. Und…was heißt es? Man hat gejubelt…man hat gejubelt. Kein Wiener…kein Wiener war kein Nazi. [Hebt den Zeigefinger.] Soll man mir nicht erzählen. Da waren…einige sind wahrscheinlich zu Hause geblieben, haben Angst gehabt, was mit ihnen passieren wird. Weil da waren schon Bezirkswarte und so weiter, die waren alle schon organisiert. Noch vom [19]33er hat sich das alles organisiert. Millionen. Österreicher sind bis heute Nazis. Ich will ihnen was sagen: Im Blut sind sie alle Nazis und sie sind alle fähig, wieder Nazis zu sein. Ich schwöre es…ich glaube nicht an Gott…ich schwöre es bei meinem Leben. Ich kann Ihnen Beispiele geben, wie der Antisemitismus erst einmal in Wien…ich weiß nicht, ob Sie das wissen. In Wien waren Ghettos…waren Juden in Ghettos eingesperrt über die letzten tausend Jahre, hunderte Jahre. Also arbeiten konnten sie nicht. Man hat sie doch kein Handwerk arbeiten lassen, die Juden. Also dann hat man gehandelt. Mit was hat man gehandelt? Ich weiß nicht mehr mit was man handeln konnte, damals…im Mittelalter, sagt man. Und da haben sie Geld verdient und gespart, weil sie haben in Ghettos gelebt. Sowieso konnten sie nichts ausgeben. Dann haben sich die…damals war noch kein Österreich, das hat angefangen noch mit den Provinzen bis Österreich ein Land wurde. Kreuzritter, die haben sich von den Juden das Geld geliehen. Das haben sie gebraucht für eure Kreuzritterheldentaten. Und auch für ihre Kriege, kleine Kriege, die sie gehabt haben. Und dann haben sie das Geld zurückzahlen müssen und da haben sie eine wunderbare Lösung gehabt: Die haben Scheiterhaufen bei der Stephanskirche aufgebaut und alle Juden verbrannt. Alle 300 Jahre waren Scheiterhaufen, wo sie Juden verbannt haben. Über hunderte Jahre in Wien. Das ist ins Blut übergegangen bei allen Österreichern. Das ist bis heute noch da. Tut mir leid. Österreich ist das schönste Land der Welt, aber die Leute die dort leben…ich muss sagen, ich gebe den Deutschen mehr Kredit für die letzte Rechnung.

 

LSY: Haben Sie das Gefühl, die sind anders mit ihrer Vergangenheit umgegangen?

 

HR: Ich weiß nicht, das ist meine eigene… Ich gebe den Deutschen mehr Kredit und vielleicht… [Bietet der Interviewerin etwas zum Essen an.] Weil sie vielleicht Protestanten sind…mehr. Protestanten und Katholiken ist ein großer Unterschied. Ich glaube, Katholiken sind antisemitischer als Protestanten. Waren immer fanatischer. Ich meine…ich sage Sachen…meine Meinung. Passen Sie auf…ich lade…wir sind schon in Pension, der David und ich und wir waren jedes Jahr in Wien, weil wir dort unsere Verwandten, Freunde von der ganzen Welt…im April, im Mai…sie getroffen haben, viele Jahre. Das war wunderbar als Lebensabschluss für uns, muss ich sagen. Weil viele leben schon nicht mehr. Können nicht mehr fliegen…nicht mehr fliegen und fahren. Ich habe die Raja – meine jüngere Tochter – und ihre jüngere Tochter eingeladen nach Wien. Alle außer…unsere Enkel – außer einer Enkelin – waren alle in Wien. Die mussten alle sehen, wie natürlich…ich bin auch sehr glücklich, dass ich aus Wien gekommen bin. Das hat mir sehr viel gegeben. Kulturweise und… Wenn ich sage, „Ich bin stolz“, dann ist das ein Blödsinn. Ich bin zufällig dort geboren. Aber ich fühle irgendwie einen Stolz, dass ich österreichische Kultur…dass ich…klingt blöd, eins gegenüber dem anderen…so ist es. Muss ja nicht alles logisch sein, was ich sage. Die Logik soll jemand anderes tragen. Also, wir fahren in der Straßenbahn und meine Enkelin Yael…heute ist sie Lehrerin, damals war sie noch beim Militär oder gerade nach dem Militär…Yael sagt zu mir: „Ich habe nicht gewusst, dass du so viele Verwandte in Wien hast.“ Sage ich: „Yael, das sind keine Verwandten, das sind Freunde von mir, christliche Freunde.“ Intime, wirkliche Freunde. Noch aus der Hitler-Zeit. Und die wir im Laufe kennengelernt haben, uns alle. Sage ich: „Yael, das sind Freunde, nicht Verwandte. Aber sie sind mir so wert wie Verwandte.“ Wir fahren in der Straßenbahn und da sitzt der Chauffeur und da ist eine Bank für zwei Plätze und da ist eine Bank für zwei Plätze und da sind alle Bänke. Wir steigen…Ring rund…wo man mit Touristen fährt.

 

 

2/00:05:45

 

 

Und ich sitze hinter dem Chauffeur auf dieser Bank und der David und die Raja und die alle, die sind nach hinten sich Sitze suchen. Und ich sitze da und neben mir sitzt eine Bürgersfrau mit großem Busen und gut gekleidet, wie es sich so gehört. Da steigt so ein ziemlich zerfetzter Mann ein, sagt sie: „Schau einmal, wie der dreckig…“ Laut, man sollte es hören…wollte sie. „Schau mal, wie der dreckig ist, wieso steigt der in die Straßenbahn ein?“ Ich sage gar nichts. [Flüstert.] Zwei Haltestellen weiter steigt einer ein, der war noch ärger. Der hat gestunken, nach Alkohol, der war richtig zerfetzt und dreckig. Und sie hat schon sehr aufgeregt, sagt sie: „Also beim Hitler hätte so etwas nicht sein können!“ Daraufhin sitze ich neben ihr und sage zu ihr: „Das brauchen sie nicht so laut sagen, ich weiß das.“ Schaut sie mich an, sage ich: „Naja, wissen Sie, ich bin Jüdin, ich weiß das genau.“ Sagt sie: „Entschuldigen Sie! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das nicht gesagt.“ Das ist im Herzen von Österreich, bis heute. Ein Beispiel. Ein anderes Beispiel, das man auch lieblich nennen kann, wie man will: Wir kommen an in Wien, mit unseren beiden Töchtern. Und mit unseren beiden Töchtern…wir haben sie eingeladen damals. Auch Wien, Schule, Haus, wo wir gelebt haben. Naja, die sind…unsere Töchter sind alle noch immer österreichisch, weil sie…wir haben sehr viel gesprochen…zwei Eltern Österreicher, also das… Ich glaube, vielleicht haben wir auch irgendwie danach noch weiter gelebt und es hat irgendwie… Wir kommen an in Wien…es war zu Mittag…und meine beiden Töchter sehen die Kärntnerstraße, die Auslagen, die werden wild. Und ich sage zum David: „Du David, lauf’ ihnen nach, die verirren sich da…die werden wild da.“ Und ich bleibe auf der Bank sitzen dort. Die Bank wo es nach links geht…wie heißt es dort…irgendeine große Straße…vis-à-vis der Stephanskirche da. Ich sitze auf der Bank und da setzt sich ein Herr neben mich und ich mit meinem großen Mund, sage so: „Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir da ein Restaurant verraten, in der Nähe?“ Schaut er mich an, sagt er: „Wollen sie koscher essen?“ Sage ich: „Nein, ist mir zu teuer.“ Er hat es nicht schlecht gemeint. Er hat es nur erkannt. Das heißt: So, wie ich ausschaue, vor einigen Jahren, sagen wir vor fünf oder acht oder zehn Jahren, hat er es erkannt. Also der…das war nicht schlecht gemeint, aber es war typisch.

 

Ich kann Ihnen solche Beispiele geben ohne Ende. Wir haben in Wien das Recht von der Krankenkasse als Shoah…wissen Sie, wir haben Stempel von Österreich, dass wir… Immer wenn wir in Wien waren, hatten wir das Recht, Krankenkasse…Gott sei Dank haben wir es nicht gebraucht, aber meine Knie bis heute…waren damals so geschwollen. Die sind…immer wieder schwellen sie an, ich kann kaum gehen. Habe schon dem David gesagt: „Komm, gemma [gehen wir] zum Doktor. Ich bin da, ich will herumgehen…ich kann nicht…Schmerzen.“ Und diese Krankenkasse ist…der David kann Ihnen genau sagen, wo das ist…man muss fahren…mit zwei elektrischen…nicht heraus aus Wien, aber da gibt es…in Wien geht es mit einer Straßenbahn vom Stephansplatz dorthin, die führt zu einem großen…nicht Marktplatz…ein großer Bezirk, wo Geschäfte sind…Markt ist. Billig…man kann dort billige Kleider kaufen. Ich habe mir dort immer etwas gekauft zum Anziehen. Hat einen Namen…gut, dass Sie jetzt gekommen sind, in ein paar Jahren glaube ich bin ich auch schon… [Beide lachen.] Und…was wollte ich damit?

 

 

2/00:10:09

 

 

LSY: Sie haben erzählt, dass Sie zu dieser Krankenkasse gefahren sind.

 

HR: Ja. Dort muss man umsteigen zu der Krankenkasse, auf diesem Platz. Ich komme dorthin und ich frage dort: „Bitte, ich brauche einen Orthopäden.“ Sagt sie: „Oh, da gehen Sie in das Haus da vis-à-vis.“ Zwanzig Minuten später wurde ich angenommen beim Orthopäden, wunderbar. Wirklich. Wie sagt der David: „In Wien hätten wir besser leben können wie hier.“ Nur ich wollte nicht. Er wollte. Also, ich komme zu dem Orthopäden, ein sehr gut aussehender Mann…ich war damals noch empfindlich für gut aussehende Männer, ich war jünger. Am Anfang darf man doch noch, ist ja angenehm. Und sagt er also: „Setz dich da nieder.“ Und er schaut meine Knie an und er sagt schon: „Nun pass auf. Das muss man…“ Jetzt ist schon gut. Er kommt wieder: „Das muss man röntgen, vielleicht auch…“ Sage ich: „Passen Sie auf! Ich will nicht röntgen, ich will nicht operieren, ich will gar nichts, ich will nur eine Spritze.“ Ich habe das schon gekannt. „Nur eine Spritze, damit die Schmerzen zurückgehen, damit ich da ein bisschen…ich bin da zu Besuch.“ Sagt er: „Was heißt da, sie sind da zu Besuch? Wo wollen sie denn hin?“ Sage ich: „Ich bin aus Israel.“ Schaut er mich an, sagt er: „Dann sagen Sie mir: Warum gehen die Juden in Wien spazieren mit ihren langen schwarzen Mänteln und mit den langen schwarzen [Deutet Schläfenlocken an]?“ So! Ohne Übergang! Orthopäde, bitte! Sage ich zu ihm: „Entschuldigen Sie. Ich sehe in Wien die Inderinnen gehen mit den Saris. Und die gehen mit dem und die Juden gehen mit dem, die haben dasselbe Recht.“ Er hat mir die Spritze gegeben und fertig.

 

Aber ich will nur sagen: Als Jude kann man in Wien nicht leben. Das habe ich dem David gesagt. Sage ich: „Ich liebe Wien, ich liebe Österreich, ist das schönste Land der Welt. Wien ist…ich weiß nicht, ob es noch immer so ist, aber die schönste Stadt der Welt.“ Und wir waren sehr glücklich dort die Jahre, wo wir dann im Frühjahr immer waren. Aber als Jude in Wien leben…kann man nicht. Trotzdem wir uns christliche Freunde gemacht haben, die Jahre wie wir gefahren sind…schon als ältere Leute…die wunderbar zu uns waren, die Teil davon sind, dass wir so ein schönes Alter in Wien haben konnten. Unvergesslich. Ich meine, teilweise noch heute. Aber als Jude in Wien leben…nein. Das ist so tief drin. Ich werde Ihnen mal etwas Schönes erzählen: Wir waren in Wien, unser bester Freund…ich bin aufgewachsen mit Fritz Muliar. Der sagt Ihnen etwas?

 

LSY: Schon mal gehört, den Namen.

 

HR: Bekannter Schauspieler. Der brave Soldat Schwejk. Fritz Muliar. War ein Jugendfreund von uns. Fritz war ein Jugendfreund von meinem Bruder…ist mit meinem Bruder in die Schule gegangen. Ein jüdischer Stiefvater hat ihn…er ist aufgezogen worden von einem jüdischen Stiefvater. Mein Vater hat die Bar-Mizwa gemacht im Tempel. Weil alle jüdischen Freunde hatten Bar-Mizwa. Er war Christ. Aber er will auch, hat mein Vater gesagt. Er will, er ist ein Freund…hat er eben auch Bar-Mizwa gemacht, so als ob. Ein Kind ist ein Kind. Warum erzähle ich Ihnen das?

 

LSY: Den haben Sie wieder getroffen dann in Wien?

 

HR: Ja, jedes Jahr. Er ist hergekommen, wir sind hin. Sicher, der Muliar. Aber nein. Aber warum…

 

LSY: Zum Thema Antisemitismus ist bei den Österreichern irgendwie… Wir haben ja gerade darüber geredet, dass Antisemitismus irgendwie bei den Österreichern sehr tief sitzt. Vielleicht eine Geschichte dazu?

 

HR: Ja, aber Moment, da war etwas, was ich Ihnen… Gut, lassen wir das. Es ist weg. Der Muliar war ein außereheliches Kind…ein Christ, von einer christlichen Mutter. Wir haben sie gekannt, die Frau Muliar, natürlich. Und nach dem Krieg hat seine Mutter dann diesen russischen Juden geheiratet, der aus Russland gekommen ist.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Der hat ihn geliebt wie einen eigenen Sohn. Und er den Vater auch. Und dann, wie der Krieg gekommen ist und er ist eingezogen worden…das wollen Sie ja nicht hören, vermute ich einmal?

 

LSY: Doch. Erzählen Sie ruhig.

 

 

2/00:15:00

 

 

HR: Er ist eingezogen worden…bitte, ich erzähle das aus erster Klasse…wie sagt man…vom Fritz persönlich, seine Erzählungen. Wir sind so viel zusammengesessen. Zum Militär ist er eingezogen worden…wenn man für Soldaten spielt und so weiter…das hat dann eine Gruppe…zur Unterhaltung der Soldaten.

 

LSY: Zum Entertainment der Soldaten.

 

HR: Und er hat zu viel gespielt. Er hat zu viel gelacht über Hitler und die Nazis und er ist geendet…er hat seinen Vater nie kennengelernt. Aber er hat diesen jüdischen Mann gehabt, der ihn geliebt hat und verwöhnt hat. Er war ein Prinz bei ihm. Und er hat geendet in einem Gefängnis in Nordfrankreich. Wir haben es besucht. Der David weiß den Namen sicher noch…östlich von Paris sind wir dahin gefahren zu denen. Und dort war er ein Jahr in Einzelhaft und wurde zum Tod verurteilt. Und wie seine Mutter in Wien das erfahren hat, hat sie seinen biologischen Vater verständigt, der inzwischen ein hoher Nazi geworden ist. Und der ist hingefahren…damals hat der Muliar das erste Mal seinen Vater gesehen. Er, ein Sozialdemokrat durch und durch…und da so ein Obernazi. Aber der hat ihn vom Galgen heruntergebracht und der Muliar wurde dann zwangsverschickt an die russische Front zum Graben. Ohne Waffe. Also das ist der Muliar. Aber die Geschichte hat woanders angefangen…warum habe ich die erzählt…ich weiß nicht. Jedenfalls ein guter, guter Freund, der Muliar. Er ist gestorben, vor zwei Jahren.

 

LSY: Ja. Also die Österreicher waren damals beim Anschluss auch schon sehr begeistert?

 

HR: Absolut! Und wenn ich übertreibe, sage ich 100 Prozent. Ich bin sicher, da waren einige nicht dabei, aber so wie das ausgeschaut hat.

 

LSY: Hat Sie das überrascht, damals?

 

HR: Ob ich überrascht war? Ich erinnere mich nicht, dass ich überrascht war. Ich war ein Kind. Ich erinnere mich nicht. Aber ich erinnere mich an die Angst…man hat angefangen in Angst zu leben. Ich habe gesehen wie Frauen mit ihren Pelzmänteln den Boden reiben müssen, die Straßen. Und ich habe gesehen…was für mich ärger war und unvergesslich ärger…wie Menschen rundherum gestanden sind, mit ihren Kindern und den Kindern gesagt haben: „Spuckt auf die Leute!“ Die Christen, die in die Kirche gehen…und katholisch, so fromm sind …Katholizismus hat ja auch seine…wie sagt man…Ansprüche, wie man sich benehmen soll. Rechte Wange, linke Wange, alle diese Sachen. Aber, meine Liebe, was ich gesehen habe. Und so haben sie ihre Kinder schon abgerichtet, die dann…wer weiß, was aus ihnen geworden ist. Aber ich wollte ihnen das erzählen…weg ist es.

 

Ich habe eine Freundin, sie lebt noch immer…jetzt ist sie total…Alzheimer in einem Heim in Wien. Die Hertha. Die Hertha war die Tochter vom Hausbesorger vis-à-vis von uns. Und die ist zu uns in die Schule gekommen…später, da waren wir schon in der sechsten Klasse, glaube ich. Und weil die in einer winzig kleinen Wohnung gewohnt haben und wahrscheinlich…die Mutter hat sauber gemacht, das war ein großes Haus. Der Vater hat glaube ich keine Arbeit gehabt. Sie war sehr viel bei uns zu Hause und wir haben zusammen die Schularbeiten gemacht. Weil meine Mutter hat mir ein kleines Kabinett eingerichtet und da sind wir zusammengesessen. Sie war neu bei uns…also wir haben die Schularbeiten gemacht. Ich habe sie mit Leichtigkeit gemacht und ihr waren sie ein bisschen schwer. Und so haben wir uns angefreundet. Wie das Taxi schon unten gewartet hat um mich wegzunehmen von zu Hause…wohin? Damals hat es geheißen wir fahren nach Liberia, glaube ich. Irgendeinen falschen Pass. Von der Gestapo alles schön organisiert. Da hatte ich ein wunderschönes Puppenzimmer – ein handgeschnitztes – und ein riesiges Grammofon, ein herrliches. Damals war dieses große Grammofon…erinnern Sie sich? Mit großen Laut… Das Taxi hat schon unten gewartet, mich schon von meinen Eltern verabschiedet, da hat die Hausbesorgerin…die Frau Rusicka. Ich habe sie geliebt, unsere Hausbesorgerin. Die war…die ist gestanden, hat geweint. Ich habe genug Zores gemacht, immer wenn sie aufgewaschen hat, die Treppen, bin ich herauf und herunter, aber ich habe sie geliebt, diese Frau. Und habe gesagt: „Einen Moment.“ Habe das gepackt und bin vis-à-vis gelaufen, der Hertha das bringen. Wie ihre Eltern mich gesehen haben, sind sie blass geworden. Ein jüdisches Kind kommt auf einmal. Es hat sich dann herausgestellt, nachdem ich schon weg war, ist diese Hertha bei Nacht, ohne dass ihre Eltern das wussten, zu meiner Mutter in die Wohnung gekommen, gefragt, ob sie etwas von mir gehört hat. Vergessen Sie nicht: Alter dreizehn, vierzehn Jahre damals. Meine Mutter…die mussten ja dann die Wohnung verlassen, meine Eltern. Meine Mutter hat ihr meine letzte Adresse gegeben und die hat sie sich gemerkt. Sie durfte sie sich nicht aufschreiben, damit ihre Eltern das nicht sehen. Die hat sie sich gemerkt. Und ein Brief von ihr hat mich erreicht, nach dem Krieg…wurde mir nachgeschickt die Adressen, die ich dann in Palästina durchgegangen bin…ein Brief von ihr. Und so hat unsere Freundschaft wieder…

 

 

2/00:21:08

 

 

LSY: Wann sind Sie damals ausgereist?

 

HR: Wann ich weg bin? Ich bin weg im November [19]38. Mein Bruder ist im August [19]38--

 

LSY: --noch vor der Reichskristallnacht oder danach? Der Pogrom im November…davor oder danach?

 

HR: Da waren wir am Schiff. Da waren wir am Schiff. 10. November, da waren wir am Schiff. Wenn Sie mich unterbrechen…das ist…

 

LSY: Die Hertha…wir haben über Hertha gesprochen.

 

HR: Die Hertha. Also, die Hertha ist mir ein sehr teurer Mensch geworden. Schon als…wir zusammen waren. Und dann haben wir uns geschrieben, natürlich. Und sie war nicht verheiratet, ich habe schon Kinder gehabt. Blöderweise, ich habe nicht gewusst wie nicht. Aber sie hat…sie war Chefsekretärin im Apollo-Spital in Wien, in der Kaiserstraße. Und sie hat damals einen Mann kennengelernt, der zurückgekommen ist nach fünf Jahren russischer Gefangenschaft. Und hat ihn geheiratet. Sie war schon an die 30, sie hat jemanden gefunden, kennengelernt…sicher hat sie ihn geheiratet. Ein Ur-Nazi. Und er hat dann angefangen, anstatt der Hertha, mit mir zu korrespondieren. Und ich wusste damals noch nicht, dass er Nazi…das war alles per Post. Und er schreibt in einem Brief: „Wir sind auf der Ringstraße gesessen und es war ein großer Umzug.“ Irgendwann, ich glaube nicht, es war der 1. Mai. Es war irgendein anderer großer, sehr schöner Umzug. Und da schreibt er, ich werde das nie vergessen: „Nur du und ich wissen, was Heimat heißt.“ Weil wir beide…er war in Russland und ich war da. „Ich bin dort gesessen und habe an dich gedacht. Wenn du hier wärest, und würdest diesen Umzug sehen, weil nur du und ich…“ Und ich darauf, mit meiner großen Goschen [Mund], setze mich hin und schreibe ihm: „Aber du hast vergessen: Ihr habt auch Seife davon gemacht.“ Und da hat er aufgehört zu schreiben und die Hertha hat wieder angefangen zu schreiben. Der Hertha war die Freundschaft so wichtig, dass sie…

 

Dann eines schönen Tages…ich bin zurückgekommen aus Kanada…wir waren drei Jahre in Kanada, der David und ich. Ich bin allein zurückgekommen aus Kanada und bin über Europa gefahren…ich habe damals noch keine Arbeit hier gehabt und so weiter…und natürlich, mein Ziel war nach Wien und zu der Hertha…natürlich. Ich war in England, ich hatte Cousins, aber die Hertha in Wien. Und die Hertha…und ich sage, wann ich komme. Ich habe bei jemanden gewohnt, den ich von hier gekannt habe und ich komme nach Wien. Und die Hertha sagt zu mir am Telefon: „Hedi, bitte gehe nicht allein in Neubau spazieren!“ Wo wir gewohnt haben, 7. Bezirk. „Bitte, ich geh’ mit dir. Bitte, geh’ nicht allein.“ Natürlich bin ich allein gegangen. Das erste Mal wieder in Wien. Und bin genau zur Jause, wie man so schön in Wien sagt, zwischen vier und fünf bei der Hertha angekommen. Die Hertha war gespannt wie ein Drahtseil. Ihr Mann musste von der…ihr Mann war Zahnarzt. Das ist auch eine Geschichte, wie er Zahnarzt geworden ist. Sie hat Angst gehabt vor dieser Begegnung zwischen mir und dem Fritz. Ich habe es ihr angesehen, sie hat mir leid getan. Und mir war die Hertha wichtig. Und so wie er die Tür aufmacht, drehe ich mich um und sage zu ihr: „Hertha, du hast mir nie erzählt, was für einen gut aussehenden Mann du hast.“ Das hat das Eis gebrochen. Das hat das Eis gebrochen für sie, Gott sei Dank.

 

 

2/00:25:30

 

 

Mit diesem Fritz haben wir uns angefreundet…langsam. Aber ich habe von allem Anfang gesagt: „Auf den Tisch legen, nichts unter den Tisch kehren. Du Nazi, ich Jud‘, Hertha das. Auf den Tisch.“ [Schlägt auf die Sessellehne.] Und er hat erzählt: Sein Vater war illegal…noch vor dem [19]33er war er schon organisiert. Er war ein robuster Mensch, er hat ihn geschlagen, hat seine Mutter geschlagen…war auch Zahnarzt, der Vater. Um dem Vater die Ehre zu geben, die ihm gebührt als guter Nazi, hat man den Sohn eingezogen zum deutschen Militär und nicht zum österreichischen. Also er war beim deutschen Militär. Und er hat uns erzählt: „Ich wollte nur Karriere machen beim Militär.“ Ein junger Bursch, siebzehn Jahre, er wollte auch Karriere machen. Aber mit der Zeit sind…ist aus dem Herzen, aus der Muttermilch der ganze Dreck rausgekommen. Wir haben uns jedes Jahr getroffen. Wir sind zusammen durch Österreich gefahren, wir waren zusammen so viel als möglich und wir haben gesprochen miteinander. Und wie die Hertha gesagt hat: „Fritz, bitte sage das nicht!“, sage ich: „Hertha, lass ihn reden.“ Wir sind zu einem…zu einer offenen Sprache geworden. „Du Nazi, du…“ Er hat uns gesagt: „Ich habe nie einen Juden ermordet.“ Sage ich: „Fritz, reden wir nicht darüber.“ Ich wollte nicht sagen: „Ich glaube dir nicht.“ Bis heute glaube ich ihm nicht. „Reden wir nicht darüber. Über das reden wir nicht. Wir haben genug über was wir reden können. Erzähle von deiner russischen Gefangenschaft, erzähle wie du zurückgekommen bist nach Wien. Es gibt ein Thema, über das man nicht reden kann und soll…mit dir jedenfalls.“ Dank dem Fritz haben wir herrliche Ausflüge in Österreich gemacht. Der Fritz hat nach einigen Jahren, wo wir uns getroffen haben, dem David gesagt: „Du bist mein einziger Bruder. Ich habe nie einen Bruder gehabt, ich habe meine Cousins nie gekannt, aber du bist mein Bruder.“ Der hat das erste Mal in seinem Leben…eine Verbindung gehabt, mit denen man offen reden konnte. Er hat zum Beispiel…wir wollten das Haus sehen von diesem Künstler, dieser verrückte Künstler, der in Wien…Tausendwasser.

 

LSY: [Friedensreich] Hundertwasser.

 

HR: Hundertwasser. „Aber“, sagt er, „das haben sie uns mitten in Barock-Wien hingestellt, das hätten sie in Prater hingestellt…ich gehe mir das nicht anschauen.“ Einmal kommen wir nach Wien, und pass auf: Mein Hund ist mir weggelaufen, ich bin ihm nachgerannt und auf einmal stehe ich vor dem Hundertwasserhaus. „Also ich nehme euch dorthin mit.“ Und wir kommen dort hin, die Hertha natürlich, der Fritz…und der David und ich…und wir stehen beide dort mit offenem Mund. Nein wirklich, mitten in dem barocken Wien so was hinzustellen. Wir stehen dort…und der David und ich, wir haben kein Wort…zugleich sagen wir: „Nun, aber interessant ist es.“ Sagt er: „Ich habe gewusst, ihr Juden haltet immer zusammen.“ Sage ich: „Fritz, wieso?“ Sagt er: „Der Hundertwasser war ein Jud‘.“ Was wir gar nicht gewusst haben. Aber das war der Fritz. Es sind ihm noch immer, aus der innersten Seele, Sprüche herausgekommen, die so tief waren. „Das ganze Geld in Amerika ist bei den Juden.“ Sage ich: „Fritz, ich hoffe, es ist wahr. Ich hoffe, es ist wahr.“ Der Fritz hat zugesperrt sein…der Vater ist gestorben, die Mutter ist gestorben…er hat sein Zahnatelier zugesperrt, die Hertha ist in Frühpension gegangen und die haben angefangen, ihre drei Enkel aufzuziehen. Drei Buben. Eine Tochter Sissi, drei Buben hat sie geboren, und…die Sissi ist Lehrerin, ihr Mann hat auch damals noch studiert etwas…und die haben, damit die Kinder lernen können, sozusagen…also sie haben diese Babys aufgezogen. Und wir hatten das Glück über die Jahre diese Buben mit kennenzulernen, als kleine Buben und mit…ich habe unzählige Bilder von ihnen. Die Sissi hat sich nachher…die haben sich ein Sommerhaus gebaut in Ansbach – Ansbach bei Wien – und die Sissi hat sich nebenan dann auch ein Haus gebaut…sie hatten auch einen Boden gekauft. Und jeden Sonntagnachmittag sind wir herausgefahren mit der Bahn und haben die Sissi…bei der Sissi Kaffee… Die Sissi hat wunderbare Kuchen gemacht und immer wenn wir gekommen sind…die Buben, die drei Buben waren da: „Die Hedi und der David kommen!“ Und die hatten Freunde: „Was, der David und die Hedi aus Israel? Wir auch!“ Und die Freunde von den Buben waren alle Farben und von allen Ländern. Und wir haben mit allen schon, der David und ich…wie dieser Obernazi, Blutnazi…wie er sich bemüht hat, diese Söhne liberal zu erziehen. Und der Fritz hat noch immer solche Sprüche herausgespuckt. Wirklich. Aber wir haben die Kinder gesehen, die sie erzogen haben. Die drei Buben. Ich kann Ihnen Briefe zeigen von dort. Die Sissi…bis heute korrespondiert sie mit mir. Tante Hedi, das bin ich. Also, der David und ich, wir haben beschlossen: Wenn ein Großvater seine Kinder so erziehen kann…wir haben sie schon kennengelernt, wie sie schon auf Universitäten gegangen sind, zum Militär gegangen sind. Das Bemühen von dem Fritz, jahrelang…das mit ansehen, wie der Mann sich bemüht hat seinen Charakter zu wechseln.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Und wie er nicht konnte, weil es so tief drinnen gesteckt ist.

 

 

2/00:32:00

 

 

Wie soll ich Ihnen sagen…fürchterlich! Fürchterlich! Wirklich! Und bis heute…er ist schon lange tot. Er hat gesagt, dem David: „Du bist mein einziger Bruder. Ich hatte nie einen.“ Also das ist die Freundschaft geworden. Wissentlich, nicht unter den Teppich gekehrt. Außer dem Thema Juden oder keine Juden gemordet…er hat mir…uns erklärt, er war beim Militär. Er hat irgendeinen Rang bekommen, nicht sehr hoch…er war telefonieren und alle diese Sachen. Hat einen Namen gehabt beim Militär…nur, weil er war doch technisch gebildet als Zahnarzt. Also vielleicht hat er ja, vielleicht hat er…nicht wichtig. Also bisher hat Hertha…bis heute meine Freundin. Und die Sissi korrespondiert bis heute mit mir und hat mir Bilder geschickt von ihrem Enkel…ist jetzt geboren und so weiter. Schauen Sie, das sind vielleicht interessantere Geschichten wie meine Lebensgeschichte, die kennen Sie ja schon. Mir sind diese Geschichten wichtig. Für mein Leben. Wir waren einige Male in Australien. Wenn Sie gelesen haben, wir haben einen adoptierten Sohn in Australien…er hat uns jetzt schon adoptiert. Wir haben ihn nie offiziell adoptiert. Aber jetzt ist er schon…also er hat uns eines Tages adoptiert, weil da hat er mehr Geld gehabt wie wir. Also wir waren öfter in Australien und ich habe dort eine Freundin bis heute, Anita Zweig, die mit mir noch zur Schule gegangen ist in Wien. Die auch die Hertha gekannt hat. „Aber ich gehe mit der Nazi…deine Freundin…“ Sage ich: „Du musst ja nicht…meine Freundin.“ Aber ich bin mit der Anita noch immer…Telefon und…wir wissen die eine von der anderen genau, was sich bei den Familien tut. Das ist sehr wichtig, wenn man alt wird, dass noch jemand da ist von der Kindheit. Das ist…hat einen ganz anderen Sinn, wie wenn man…wenn Sie da nachdenken, wissen Sie es schon.

 

Ja. Also, diese Anita und ihr Mann: Juden. Meine Freundin aus Wien. Zur Schule gegangen zusammen mit der Hertha und so. Die sind sehr oft nach Israel gekommen, sie hatte ihren Sohn hier und so weiter. Und dann ist ihr Mann krank geworden, einige [Arten] Krebs auf einmal bekommen…und sie sind zurückgeflogen nach Australien. Und er war einige Jahre sehr krank und dann ist er gestorben. Wie wir in Australien waren…öfter bei der Anita oder bei denen gewohnt. Oder bei Bryan, unserem Pflegesohn natürlich. Da haben wir eine Freundin kennengelernt von der Anita, von meiner Schulkollegin…bei der wir manchmal eingeladen waren. Die haben sich unterhalten, wir haben uns da nicht viel mitunterhalten. Die hat einen Hausfreund gehabt, was man so nennt…einen Deutschen. Und die Anita sagt zu mir: „Die lebt mit ihm, aber rede nicht mit ihm, er ist ein Nazi.“ Jüdin…die Freundin eine Jüdin. Sie war Witwe, ist auf ein Luxusschiff gegangen, er war Witwer, ist auf ein Luxusschiff gegangen, sie haben sich kennengelernt und verliebt. Und die haben zehn Jahre…halbes Jahr in Sidney gelebt und ein halbes Jahr in Deutschland gelebt in…wie hat das geheißen dort, wo der Hitler angefangen hat…seinen großen Anfang gehabt hat?

 

 

2/00:35:42

 

 

LSY: München?

 

HR: Nein.

 

LSY: In Deutschland?

 

HR: Ja. Ein bisschen westlich…großes Stadion dort gebaut, der hat dort viele Ansprachen gehalten. Wird mir einfallen. Diese Jahre, diese Liebschaft, hat zehn Jahre gedauert. Und so haben wir diesen Oskar kennengelernt. Der lebt noch. Und eines Tages…und die Anita hat immer gesagt: „Rede nicht mit dem…der Nazi, der Obernazi, der immer…“ Gut. Eines Tages bekommen wir einen Brief…nicht in der Wohnung. Hier wohnen wir erst dreizehn, vierzehn Jahre. Wir haben eine winzig kleine Zweizimmerwohnung gehabt. Auch in Ramat Gan. Ein Brief, da schreibt er: „Ich habe eure Namen und eure Telefonnummer von der Anita Zweig bekommen. Könnt ihr so lieb sein und mir ein Hotel verschaffen? Ich komme nach Israel auf…mir anschauen, Israel.“ Der Nazi. Der Brief ist angekommen an dem Tag, wo er am Abend ankommen sollte, in Lod. Sage ich zum David: „Pass auf, David! Nazi hin oder her.“ Ich weiß nicht einmal mehr wie er ausschaut, ich habe mit ihm nie ein Wort geredet. Ich habe ihn auch nicht angeschaut. Wir waren dort immer nur so am Abend. Aber ein Mensch schreibt und er kommt her, und in ein fremdes Land, mit fremder Sprache und total fremd für ihn. „Wir fahren nach Lod, wir holen ihn ab.“ Damals habe ich noch chauffiert und wir sind nach Lod gefahren, am Abend. Und ich stehe dort, ich weiß nicht wie er ausschaut, ich weiß nicht wer er ist. Ich meine, wer er ist wusste ich, aber… Auf einmal kommt jemand, umarmt mich und küsst mich und sagt mir: „Das bin ich.“ Sage ich: „Servus, Oskar.“ Also das war der Oskar. Sagt er: „Ich will nur eine Nacht, wenn ihr könnt mir helfen, zu einem Hotel.“ Er hat eine Flugkarte geschenkt bekommen, weil er zweimal im Jahr hin und her geflogen ist…Australien. Sage ich: „Pass auf, Oskar: Wir haben ein winziges…“ Das war schon hier. „Wir haben ein winziges Zimmer und wenn du willst…es ist schon neun, zehn Uhr Nacht…was jetzt in Tel Aviv…schlaf eine Nacht bei uns und morgen bring ich dich nach Tel Aviv und du schaust dir Hotels an.“ Den nächsten Tag in der Früh waren wir schon so befreundet, dass er zwei Wochen bei uns geblieben ist. Obernazi. Zugegeben.

 

Einen Abend habe ich alle meine deutschsprachigen Freunde eingeladen, habe ihnen gesagt: „Pass auf: Wer mit einem Nazi nicht bei Tisch sitzen will, kommt nicht. Aber wer kommt: Benehmt euch wie ein Beduine im Zelt!“ Das war ein wunderschöner Abend. Mit dem Oskar. Ein sehr interessanter Abend. Und wir haben uns mit dem Oskar sehr angefreundet. Anita ja oder nicht, ist mir ja wurscht. Und warum vor allem…die Anita hat mir erzählt, wie ihr Mann so krank war und die jüdischen Freunde, die Hautevolee, sie nicht mehr eingeladen zu den Dinners, weil er hat nicht mehr ausgeschaut…für das Dinner war er nicht mehr schön genug. Er war schwer krank, der Mann. Haben sie aufgehört, die einzuladen. Sie haben auch aufgehört zu kommen. Weil das war kein… Der Oskar, der bei der Freundin gewohnt hat…der Oskar ist gekommen, hat ihn auf den Armen in sein Auto getragen und hat ihn ein bisschen herumgeführt. Ich suche jemanden für den David…brauche ich so jemanden. Aber das hat der Oskar gemacht. Die Anita hat mich angeschrien am Telefon: „Du bist nicht normal! Der Nazi, zwei Wochen bei dir zu Hause. Du bist nicht normal!“ Sage ich: „Nitti, ich will dich an was erinnern: Er war der einzige, der den Erwin herausgenommen hat und spazieren gefahren hat. Dann sei jetzt ruhig und rede nicht mehr mit mir.“ Bis heute verzeiht sie es mir nicht. Aber wir sind bis heute in Kontakt mit dem Oskar. Der Oskar hat eine neue Freundin natürlich. Diese jüdische Frau war so neurotisch, wieso er sich überhaupt in sie verlieben konnte, weiß ich nicht. Jetzt hat er eine christliche Freundin, die wohnt im selben Haus, spielt Orgel in der Kirche, passt zu ihm, wunderbar. Er war Postbeamter oder so etwas. Also er war zwei Wochen bei uns, der Oskar. Ein wunderbarer Gast. Es waren wunderschöne Wochen.

 

Eines Tages habe ich dem David gesagt…wie wir in Pension…sage ich: „Pass auf, David: Die Deutschen haben wunderbare alte Städte. Mittelalter…alte Städte.“ Ich liebe alte Städte. „Komm, fahren wir nach Deutschland und schauen wir uns an.“ München war ich…Berlin. Aber diese alten Städte, die irgendwo… Und ich schreibe dem Oskar…Freund von mir…schreibe ich: „Oskar, sei so lieb und verschaffe uns irgendein Hotel.“ Billig habe ich nicht sagen müssen, er hat uns ja schon gekannt. „Ein Hotel, wo es sauber ist. Ich möchte in der Gegend herumfahren und mir diese alten Städte in der Gegend von…“ Wo wohnt er?

 

 

2/00:41:14

 

 

LSY: Vielleicht Dortmund. Ich überlege gerade, eine Stadt im Westen.

 

HR: Nein, nein! Ein bekannter Name. So etwas Blödes…ich werde es Ihnen gleich sagen, ich habe es in meinem Adressbuch drin. Da kommt ein Anruf zurück: „Ihr seid ja nicht normal! Ihr werdet…“ Bremen! Nicht Bremen. „Ihr werdet kommen und wegen einem Hotel: Ihr wohnt bei mir! Ich werde heraufziehen zu meiner Freundin, die wohnt im zweiten…und ihr wohnt bei mir. Und ich werde euch Sightseeing-Touren machen.“ Der Oskar. Dieser Oskar…wir haben dann korrespondiert, wir haben telefoniert…wir sind dann einige Jahre in die Slowakei gefahren wegen meiner Osteoporose…mit meinen Schmerzen. Ich habe es jetzt auch notwendig…aber jetzt, ohne den David. Das hat mir dann immer ein paar Wochen geholfen ohne Schmerzen, dort in der Slowakei.

 

LSY: Wegen Quellen?

 

HR: Ein Pflegeheim. Speziell so…rehabs, speziell für… Und der hat…also wir haben ihm erzählt, dass am weekend ist dort keine Pflege…also Samstag, Sonntag. Wer ein Auto hat, fährt in die Gegend. Der Oskar mit seiner Freundin…das ist doch ein Skandal… [Steht auf, um ihr Adressbuch zu holen.]

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Er heißt Meister. Ich habe gewusst, hat er…Meister, er heißt Meister. Warum habe ich ihn nicht. Naja, also Nürnberg wissen wir schon.

 

LSY: Ja. Und da wart ihr dann bei Ihm zu Besuch?

 

HR: Hier, da unten! Gucken Sie! [Zeigt das Adressbuch.] Weil ich habe da alles…so viel durchgestrichen…haben Sie gesehen? Meister.

 

LSY: Ja, da kann man das ja auch schwer finden. Oskar Meister.

 

HR: Oskar Meister, Nürnberg. Bitteschön.

 

LSY: Wunderbar.

 

HR: Was will ich Ihnen sagen? Ich habe viele Freunde hier, die nicht verstehen können…die mich nicht verstehen können. Macht ja nichts, sie müssen ja nicht. [Legt das Adressbuch weg.] Aber ich habe gesehen, dass Menschen, wenn sie…in dem Moment, wo sie wirklich bewusst Selbstverantwortung übernehmen, sich ändern können. Ich meine, sie können nicht ungeschehen machen, was sie gemacht haben, wenn sie es gemacht haben. Aber sie können weiterleben mit anderen Idealen und vor allem ihre Enkelkinder anders… Das ist sehr dramatisch, wenn man sich das so überlegt. Es ist auch nicht leicht. Diese ganze Geschichte ist ja nicht leicht. Ich habe so viele Erlebnisse gehabt, solche verschiedenen Erlebnisse. Das habe ich von meinem Vater. Mein Vater war…bei meinem Vater hat es keinen Unterschied gegeben. Er war ein sehr bewusster Jude. Aber als Freunde hat…es hat überhaupt…ein Mensch…und er war sehr menschlich…naja, gut. Was soll ich Ihnen noch erzählen?

 

 

Ende von Teil 2

 

 

Teil 3

 

 

LSY: Ich will noch ein bisschen mehr wissen von Ihrem Leben hier, in Palästina erst und Israel. Als Sie gekommen sind damals: Was für Erwartungen hatten Sie, wie das Leben in Palästina--

 

HR: --wie man mich ins Wasser geschmissen hat--

 

LSY: --wie das Leben hier sein wird und was war für Sie das allerschwierigste hier?

 

HR: Ich habe keine Erwartungen gehabt. Ich war zu jung um mir das vorzustellen. Dass es kein Ausflug ist, das war selbstverständlich. Ich habe Erwartungen gehabt, rauszukommen aus Österreich. Jetzt wo…meine Mutter hatte eine Schwester in Haifa, die Tante Minna, die auch Schneiderin war. Die zwei Söhne hatte. Und die hat meiner Mutter geschrieben: „Schicke mir die Hedi. Bei mir wird sie auch einen Beruf lernen.“ Und so haben meine Eltern gutgläubig zu der Tante…sie schicken die Hedi zu der Tante nach Haifa. Aber ich, mit meinen vierzehn Jahren, hatte schon einen Freund in Wien. Den habe ich kennengelernt in dem Büro, wo sie…Transporte organisiert haben. Also…sehr platonisch, aber immerhin Freund und so weiter. Und mit dem habe ich beschlossen: „Wenn wir uns treffen in Palästina, gehen wir zusammen in eine פלוגת עבודה [hebr.: Arbeitsunternehmen, Eigenname: Plugat Avodah].“ Das ist so wie ein Kibbuz…bei den Sozialdemokraten. פלוגת עבודה [hebr.: Arbeitsunternehmen, Eigenname: Plugat Avodah] war bei den Revisionisten. „Da gehen wir zusammen hin.“ Und wie man mich ins Wasser geschmissen hat bei Netanja…die Geschichte kennen Sie, wie wir angekommen sind hier?

 

LSY: Erzählen Sie ruhig nochmal.

 

HR: Hat Ihnen noch niemand erzählt?

 

LSY: Ich…kann sein, dass der David das ein bisschen erzählt hat, aber erzählen Sie nochmal.

 

HR: Ich war ungefähr auf sechs verschiedenen Schiffen. Wo teilweise kein Wasser…Trinkwasser war, teilweise kein Essen, teilweise das Klosett gesperrt war, weil der Kapitän besoffen war. Das waren griechische, alte ausrangierte Schiffe und die haben Geld genommen, wer ihnen gegeben hat und wenn es zerbrochen wäre, wäre es…also so sind wir von einem Schiff auf das andere und alle möglichen Sachen dort erlebt. Und am 16. Dezember, wenn ich mich nicht irre, um zwölf Uhr Mitternacht, eine stockfinstere, kalte Nacht, schmeißt man uns ins Wasser…von dem letzten Schiff, der Artemisia…es ist jetzt aufgebaut auf dem Weg nach Haifa…ein kleines Schiff, wir waren die letzten sechzehn, die übergeblieben sind von über 1.000, die da immer wieder rauf und runter vom Schiff… „Schwimmt dorthin, aber lasst euch nicht von den Engländern erwischen.“ Der Rucksack das einzige Vermögen, was wir gehabt haben. Da sind wir dann entlanggelaufen dort, in Netanja…da hatte es ein Kino, das gibt es noch immer beim…am ים [hebr.: Meer]. Ein Kino. Dort hat man uns im Keller versteckt, Wasser zu trinken gegeben, erst einmal. Und nächsten Tag hat man uns verteilt, bei jüdischen Familien, damit die Engländer uns nicht finden.

 

Und ich habe natürlich…ja, einen Brief von meinem Bruder vorgefunden, fünf Jahre älter, sehr respektvoll…damals noch. Das ist mein Bruder. [Zeigt auf ein Foto.] „Gehe sofort zur Tante Minna, sie ist sehr krank.“ Das war gelogen. Er wollte aber nicht…ich soll gehen in den פלוגת בית"ר [hebr.: Beitar Unternehmen, Eigenname: Plugat Beitar] mit dem Freund. Mit diesem Leo Karmel, der sehr gut…ich war glücklich einen Freund zu haben, aber er… Und da habe ich diesen Leuten gesagt, wo ich untergebracht war, diese erste, zweite Nacht: „Ich muss nach Haifa.“ Und da haben sie mich in einen Autobus gesetzt…die Autobusse waren damals vergittert…die Fenster waren vergittert gegen Steine, die man auf die jüdischen Autobusse geschmissen hat. Nicht neu jetzt, das mit den Steinen. Und ich bin dort gesessen und die Juden im Autobus haben mich…die haben mir doch angesehen, woher ich komme. Dreckig und sechs Wochen nicht gewaschen. „Was…von wo kommst du?“ Und mir hat man gesagt: „Nichts sagen. Nichts sagen.“ Ich habe kein Wort gesagt. Und kam an in Haifa und finde die Adresse von meiner Tante, aber da ist zugesperrt, niemand da. Also, ich setzte mich auf die Treppe hin, meine Tante kommt vom Friseur. Ich war bei der Tante keinen Monat und bin dann weggelaufen von dort. Mir hat diese Tante mit ihrem Mann und meinen Cousins gar nicht gefallen. Die hat überhaupt nicht daran gedacht, dass ich lernen soll bei ihr…Schneiderei. Sie hatte eine kleine Werkstatt. Sie hat gemeint, sie hat jetzt so ein Stubenmädchen, Kindermädchen. „Putz‘ den Burschen die…“ Meinen Cousins die Schuhe putzen und was man so macht. Also mir hat das überhaupt nicht gefallen. Sie hat ein Lehrmädel gehabt, Liesl, mit der ich später dann zusammen in Haifa ein Zimmer genommen habe. Und mit der hat sie mich geschickt, damit…die soll mir zeigen, wo die Kundschaften sind, damit ich dann diese Lieferposten übernehmen kann. Und die hat mir das alles erzählt und dann haben wir gesagt: „Pass auf!“ Sage ich: „Ich muss weg von da. Diese Familie gefällt mir überhaupt nicht, diese Schwester von meiner Mutter.“ Und da hat sie mich gebracht in ein Büro, das war etwas was vor der סוכנות [hebr.: Agentur] war. Und mein Vater hat meiner Tante meine letzten Zeugnisse geschickt. Ich habe sie hier. Lauter Einser gehabt. Warum lauter Einser gehabt? Weil in der Judenschule wo man uns umgeschult hat, wie der Hitler gekommen ist, haben die Lehrer uns lauter gute Noten gegeben. Sowieso. Also, die hat dort gesehen dieses Zeugnis, hat sie gesagt: „Du musst weiter lernen.“ Und hat mich untergebracht in dieser WIZO…das war die nächste Schule. Wo ich dann auch weggelaufen bin.

 

 

3/00:06:08

 

 

Und zwar…ich bin so lange gelaufen…und ich laufe vielleicht bis heute noch…man fragt mich: „Warum gehst du nicht dort zum David, ins Beta Wod? Wozu musst du jeden Tag hinfahren?“ Manchmal auf allen Vieren krieche ich zum David. Das ist mir bitter schwer. Es ist mir auch schwer allein zu sein…aber mir kann man nicht sagen, was ich heute essen soll und wann ich essen soll und…der David hat gesagt zu meinem Schwiegersohn…mein Schwiegersohn wollte auch, dass ich dort bleibe. Hat er ihm einmal gesagt, der hat mir erzählt: „Die Hedi passt hier so wie eine Faust auf das Aug’.“ Zu dem Altersheim. Also das bin ich mein ganzes Leben lang. Mein Glück war der David. Wir haben uns jeden seinen Weg gehen lassen. Wir haben uns geholfen gegenseitig. Ich war praktischer, habe da mehr geholfen. Der David war intellektueller, gebildeter, er hat mir geholfen. Weil eines Tages bin ich ja studieren gegangen. Aber ich muss meine Freiheit haben. Und das war immer so. Ich habe auch meinen Kindern, den ganzen, alle frei gegeben. Ich habe Vertrauen zu ihnen gehabt. Aber ich war…ich habe bitter gezahlt für meine Arbeit…für meine Freiheit. Ich habe bittere Arbeiten geleistet. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Wie ich in Haifa…wie ich da ein Zimmer genommen habe, zusammen mit meiner Freundin, die bei meiner Tante gelernt hat. Ich habe gesehen, wie meine Tante ihr einen Teller Suppe zu Mittag gibt. Sie hat keine Mutter gehabt, der Vater war ein Stück Dreck. Sie hat…war bei ihr Lehrmädel für…Groschen. Gibt meine Tante ihr eine Suppe. Das waren solch geizige Menschen, meine Verwandten. Von meiner Mutter ihrer Seite. Habe ich ihr gesagt: „Wozu muss ich da sein? Sie nützt dich aus! Komm, wir nehmen uns zusammen ein Zimmer und gehen arbeiten und verdienen und wir sind selbstständige Menschen.“ Und so war es auch. Sie war die feinere, die ruhigere. Sie hat mir gefolgt, ich habe aufgepasst, dass sie zeitlich nach Hause kommt. Ich habe sehr auf sie aufgepasst. Wir waren gleich alt. Sie lebt nicht mehr.

 

Sie hat dann einen Engländer geheiratet. Ich habe auch englische Freunde gehabt. Vom englischen Militär, Freunde. Wo die jüdische Gesellschaft gesagt hat: „Sie geht mit Engländern, sie ist eine Hure.“ Hat mich auch nicht gestört. Ich war Kellnerin in dem großen Restaurant, die habe ich kennengelernt…ich habe sie kennengelernt, die waren ein paar Mal essen. „Können wir nicht nach dem…wenn du fertig bist mit der Arbeit, mit dir spazieren gehen?“ Habe ich gesagt: „Ja, warum nicht.“ Und dann haben sie auf mich gewartet um zehn Uhr bei Nacht und spazieren gegangen. Manchmal habe ich Schokolade gebracht…warum nicht? Und ich will Ihnen was sagen…und das ist heute, was mich so stört. In meinem ganzen Leben, in dem Dreck, in dem ich gearbeitet habe…man hat mich geschickt…das ist eine revisionistische Geschichte…Kibbush Avodah, sagt Ihnen das etwas? Also ich war eine sehr gute Arbeiterin. Ich habe auch gerne gearbeitet, schwer gearbeitet. Einen neuen Arbeitsplatz und wenn du eingearbeitet bist, musst du krank werden und sagst: „Du bringst eine Freundin“, damit wir die unterbringen und du kriegst einen anderen Arbeitsplatz. So habe ich Arbeitsplätze gewechselt…immer die schwerste Arbeit gemacht. Ich bin angekommen in einer Öl-Fabrik in Kayiat Beach…Kayiat Beach ist vor Haifa, bevor man nach Haifa reinfährt ist links Kayiat Beach…da war eine Öl-Fabrik. Die hat gehört den deutschen Christen in…wie heißen diese frommen Christen, die da eingewandert sind?

 

LSY: Templer.

 

 

3/00:10:05

 

 

HR: Templer. Diese Fabrik hat den Templern gehört. Und die Engländer…die Templer waren alle Nazis. Und die Engländer haben diese Templer alle verschickt nach Australien…und diese Fabrik haben dann zwei jüdische Ingenieure geleitet, aber die Arbeiter sind geblieben, die alle Araber waren. Die schon gearbeitet haben mit den Templern. Und da musste ich auch…Arbeitsplätze für Juden…erwerben. Ich war das einzige Mädel und die einzige Jüdin in dieser Öl-Fabrik in Kayiat Beach. Die haben herausgefunden, dass ich ohne Essen komme. Ich habe kaum Geld für einen Autobus gehabt, von Haifa dorthin. Und da haben sie mir…die sind gekommen…die Araber sind gekommen mit drei Töpfen in einem…zugebunden. Die haben sie in den Boiler gesteckt in der Früh…in der Mitte…zum Mittag war es gekocht. Und haben mich eingeladen mitzuessen. Die Araber haben mich eingeladen mitzuessen. Da war ein junger Araber mit nur einem Arm. Ich musste dort Filter waschen, das besagte nichts. Filter waschen, das war eine Hundesauarbeit…schwer. Und er ist gekommen, wie ihn niemand gesehen hat und hat mir geholfen die Filter schieben. Wie der David dann zu mir gekommen ist, hat gesagt: „Der sucht nur Arbeit, der will nur wo schlafen.“ Alle Wiener haben bei mir geschlafen. Ein Zimmer gehabt mit der Liesl, haben wir auf dem Boden geschlafen. Habe ich ihm dort auch hereingebracht als Arbeiter. Und wie wir geheiratet haben nach vier Wochen, habe ich meiner Tante…dieser lieben Tante, von der ich weggelaufen bin mit ihrem Mann und den Cousins. Ich habe sie eingeladen zu der Hochzeit, beim Rabbiner zu Hause. Eine Wohnung, die kleiner war als dieses Zimmer. Und mein Onkel hat gesagt: „Wenn der David nicht mit einem Anzug heiratet, kommen wir nicht.“ Mein Vater hatte noch aus Wien meinem Bruder Anzüge geschickt. Also hat mein Bruder dem David einen Anzug geborgt. Das war ein Winteranzug und wir haben im Mai geheiratet. Und ich habe ein weißes Kleid gehabt…das ist auch eine Geschichte, warum ich ein weißes Kleid gehabt habe. Und ich habe meinen Verwandten gesagt: „Die Hochzeit ist um fünf Uhr beim Rabbiner in der Wohnung.“ Wenn die Schicht wechselt in der Öl-Fabrik…wenn die Schicht wechselt…das waren alles Araber. Meine Verwandten waren entsetzt und ich bin dort gesessen mit dem Schleier bis die Araber gekommen sind von der Öl-Fabrik. Die Schicht ist gekommen zu meiner Hochzeit…zu unserer Hochzeit. Der David hat inzwischen auch dort schon gearbeitet. Zu unserer Hochzeit. Die haben uns eingeladen nach Tiberias, Honeymoon…und wir sind natürlich nicht gegangen. Araber! Jetzt will ich Ihnen noch eine Geschichte von den… In dieser Zeit wo ich Arbeitsplätze erobern musste für die Revisionisten…brennen sollen sie heute, die Revisionisten…der Likud, der hat uns nur heruntergebracht. Nur heruntergebracht, der Likud. Ich hoffe, Sie kennen ihn. Entschuldigen Sie.

 

LSY: Ich bin keine Revisionistin. [Lacht.]

 

HR: Nein, der Likud ist schuld daran, wo wir heute gelandet sind, angefangen von dem ersten, von dem…der noch immer dort liegt…für mein Geld liegt er im Hotel…der [Ariel] Sharon.

 

LSY: Sharon.

 

HR: Sharon, ja. Und der hat ja selber gestohlen. Die riesige Farm mit den Lämmern. Woher hat er das Geld? In Magdil [meint: Kfar Malal], wo er da aufgewachsen ist auf einem kleinen Bauernhof. Die Eltern hatten…der hat das Geld gekriegt für Korruption. Er hat…die kanadischen Juden und so weiter und so fort. Er hat dort eine riesen Farm mit riesen Schafen. Millionär geworden. Das sind die Revisionisten.

 

 

3/00:14:22

 

 

LSY: Sie wollten noch eine Geschichte mit den Arabern erzählen.

 

HR: Unbedingt. Ich habe sie in meinem Tagebuch geschrieben. Einen der Plätze, wo sie mich hingeschickt haben arbeiten, war in der Altstadt, in Haifa in der Altstadt…in einen kleinen Kiosk auf der Ecke, wo dahinter ein Bordell war – was ich nicht wusste.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Und die mich geschickt hat, von der revisionistischen Abteilung, die hat gewusst, ich bin fünfzehn, sechzehn Jahre. Das hat sie nicht gestört, was aus mir wird. Von drei Uhr nachmittags bis drei Uhr nachts habe ich dort gearbeitet. Von drei Uhr nachmittags bis zwölf Uhr nachts im…das war ein kleiner Kiosk-Restaurant…fish and chips…Engländer sind gekommen, fish and chips essen. Araber sind gekommen. Und dann von zwölf Uhr nachts bis drei Uhr früh habe ich dort die…das Geschirr gewaschen…damals war keine Geschirrmaschine. Und Zwiebeln und Kartoffeln geschält für den nächsten Tag. Und nachmittags, wenn ich bedient habe, sozusagen als Kellnerin…da war wie so eine riesige Station von den Engländern…das waren hohe Polizei-Offiziere…oder Geheimdienst, das war irgendeine Sache…die sind hereingekommen, Kaffee trinken und fish and chips. Und damals war ein riesiger arabischer Markt in Haifa bis zum Ausgang von Haifa. Von Haifa bis zum Ausgang. Ein riesiger arabischer Markt. Der ganze Hadar [Hadar HaCarmel] von Haifa war arabisch damals. Da bin ich um drei Uhr nachts zu Fuß nach Hause gegangen, dort habe ich gewohnt mit meiner Freundin. Von dort sind Araber gekommen, auch essen dort, Kaffee trinken und so weiter. Und die haben angefangen, mit mir zu reden. Ich habe nicht geantwortet. Ich war damals wie schizophren. Ich habe mit Leuten nicht gesprochen. Ich habe Angst…wahrscheinlich habe ich Angst gehabt. Nicht verstandesgemäß, aber gefühlsmäßig habe ich Angst gehabt. Ich habe nichts gewusst von dem Bordell dahinter. Dort sind die Frauen gekommen, gesagt: „Na komm’ nachher dich ein bisschen unterhalten.“ Aber ich bin da drei in der Nacht allein nach Hause gegangen, durch den arabischen… Und manche sind gekommen und haben gefragt: „Warum arbeitest du, wieso?“ Und manche…na gut. Und da war ein Araber, gut angezogener Mann, mit Krawatte und so. Ich wusste woher er kommt. Der hat ein großes Stoffgeschäft gehabt im arabischen Markt. Wenn ich spazieren gegangen bin, ist er manchmal dort gesessen und ich habe ihn gesehen. Und der ist auch Kaffee trinken gekommen. Und der hat mit einmal gesagt: „Ich habe drei Töchter, aber ich möchte keine von ihnen da arbeiten lassen.“ Ich habe ihm nicht geantwortet. Eines Tages, vormittags, gehe ich spazieren am Hadar in Haifa und treffe dort einen Bekannten von meinem Vater, mit dem er den Tempel gegründet hat in der Schottenfeldgasse. Herr…auch Reiß geheißen. „Herr Reiß, was machen Sie da?“ Sagt er: „Ich bin auf der Patria gekommen.“ Erinnern Sie sich, Patria? Mit meiner Frau und meinem Sohn. Und ich suche eine Unterkunft.“

 

Und ich…jetzt will ich Ihnen etwas sagen: Ich schwöre bei meinem Leben und dem Leben aller, die ich lieb habe…ich erzähle die Wahrheit. Weil es ist…wie immer, wenn ich es erzähle, glaube ich mir selber nicht. Wirklich. Mit meinen sechzehn, siebzehn Jahren sage ich zu ihm: „Wissen Sie was: Ich kann Ihnen helfen mit einer Wohnung, wenn Sie mir und der Liesl ein Zimmer geben in Ihrer Wohnung und uns nicht herausschmeißen, wenn wir nicht genau den Zins zahlen am Ende vom Monat.“ Wir haben immer bezahlt, aber nicht pünktlich. „Kommen Sie mit mir.“ Und ich gehe mit dem Herrn Reiß in den Souk zu diesem Araber. Und ich sage zu diesem…mir wird kalt, wenn ich daran denke…ich spreche nicht mehr…keiner hört zu, sowieso. Ich komme zu dem Mann und sage zu ihm: „Passen Sie auf! Sie haben mich einige Male gefragt, warum ich da arbeite. Und ich habe Ihnen nicht geantwortet. Jetzt will ich Ihnen was sagen: Ich arbeite dort, weil ich bin allein und ich muss mein Leben verdienen.“ Vier Pfund im Monat, eineinhalb Pfund hat die Wohnung gekostet und wir haben kaum zum Leben gehabt…weil ich leben muss. Aber nachdem wir manchmal nicht den Zins Ende des Monats genau zahlen können, schmeißt man uns immer raus und wir müssen alle zwei, drei Monate ein Zimmer suchen. Und damals hat man noch Zimmer mieten können. „Aber, wenn Sie mir helfen diesem Herrn eine Wohnung zu verschaffen, dann hätte ich vielleicht wo zu wohnen wo man mich nicht jeden Monat herausschmeißt. Das ist ein Bekannter von meinem Vater.“ Der Araber…ich schwöre Ihnen, es ist wahr…der Araber geht zum Laden, nimmt einen Schlüssel heraus, so einen vollen…ein Schlüsselbund, ein riesen Schlüssel, gibt den dem Herrn Reiß und sagt zu ihm: „Passen Sie auf: Das ist eine Wohnung in der Hanamal-Straße, vis-à-vis dem Eingang zum Hafen. Eine Sechs-Zimmer-Wohnung. In einem Zimmer wohnt ein arabischer Student, der geht aber Ende vom Jahr weg. Da haben Sie die Wohnung. Geben Sie dem Mädel eine Wohnung, passen Sie auf sie auf. Sie ist ein gutes Mädel.“ Wir sind eingezogen in diese Wohnung…die war verwanzt, die Wanzen sind die Wände rauf…arabisches Haus. Dieser Araber hat diesem Mann eine Wohnung gegeben ohne Geld, ohne Danke, ohne nichts. [Hebt die Stimme.]

 

 

3/00:20:19

 

 

LSY: Weil er Ihnen helfen wollte.

 

HR: Weil er mir helfen wollte. Ich glaube es mir selber nicht, wenn ich es erzähle. Dort habe ich gewohnt mit der Liesl. Dieser Herr Reiß mit seiner Frau…waren typische Wiener dreckes. Dort bin ich mit Gelbsucht krank geworden, nicht einmal ein Glas Tee haben sie gefragt, ob ich brauche. Ich bin schwanger geworden mit der Hannah, mit meiner Ältesten. Ich wusste…Entschuldigung…ich wusste ja nicht, wieso. Aber so geschah es. Ich war so froh, dass ich einen Freund habe. Aber das… Er wusste auch nicht mehr…nicht absichtlich. Aber wie ich verstanden habe…wie ich angefangen habe zu brechen und wie diese Frau Reiß mir sagt: „Du bist ja scheinbar schwanger.“ [Äfft Stimme nach.] Sage ich: „Wieso?“ Habe ich dem David gesagt: „Da will ich nicht wohnen bleiben. Da will ich kein Kind kriegen. Da gehen wir zurück nach Jokne’am aufs Land.“ Am Land, wie arm es nicht ist, ist es sauber. Zurück aufs Land. Und so geschah es.

 

LSY: Und dann seid ihr zurück nach Jokne’am.

 

HR: Diese Familie Reiß hat die Wohnung dann verkauft für Schlüsselgeld und sich eine Wohnung gesucht…gewohnt in einem neuen Haus am Hadar. Ich habe sie dort besucht. Haben uns nicht einen Groschen gegeben. Wir waren zu blöd. Wir haben nicht gewusst, dass wir etwas verlangen könnten. Wir haben die Zimmer vermietet einzeln, haben Geld verdient dabei. Ein Glas Tee hat sie mir nicht gegeben, wie ich gelegen bin. Da soll ich an die Kultur vom Menschen glauben? Fromm waren sie auch.

 

LSY: Hilft nichts.

 

HR: Aber das ist…und ich will Ihnen was sagen: Im Lauf der Jahre haben wir uns eine kleine Wohnung in Safed gekauft, wo wir unseren Sommer…Sommerwohnung, kleine zwei Zimmer, aber ein Balkon über den Tiberias-See. Ich habe die Wohnung geliebt. Sehr billig, ganz bescheiden und so weiter. Und ich habe dort zwölf Jahre…dann haben wir sie verkauft für diese Wohnung. Ich habe den…dem David konnte ich das nicht sagen, weil der David war nicht so eingestellt. Aber ich habe mir die ganze Zeit…wenn ich wüsste, der hat mir gesagt, der hat drei Töchter. Ich habe seinen Namen nicht gewusst, von dem Araber. Wenn ich wüsste, die sind vielleicht irgendwo in Libanon, irgendwo in irgendwelche…wer weiß, wie sie dort leben, geflüchtet. Ich gebe ihnen diese Wohnung in Safed, ich gebe ihnen alles! Ich wusste seinen Namen nicht.

 

LSY: Haben Sie dann noch oft an den gedacht?

 

HR: Oft. Sie sind mit mir mein ganzes Leben. Ich weiß nicht, was aus denen geworden ist. Aber ich habe nichts gemacht. Ich habe dem seine…ich habe den Namen von dem Mann nicht gefragt, weil das haben die Erwachsenen zwischen sich verhandelt. Ich habe auch die Schlüssel nicht bekommen. Das war--

 

LSY: --interessante Erlebnisse.

 

HR: Ja. Meine Jugenderlebnisse…von der Art.

 

LSY: Was für Erinnerungen--

 

HR: --aber Entschuldigung! Aber wenn immer Leute erzählen über Israel: Erzählen Sie Ihnen von diesen Arabern vom Markt. Wissen Sie, ich habe mir schon gedacht…ich habe doch keine Elektrik oder wie das heißt, diese modernen Sachen. Ich bin zu blöd dafür und ich kenne mich nicht aus. Aber ich habe mir schon gedacht: Im Internet, auf der ganzen Welt können sich Menschen verständigen…ich weiß nur den Namen nicht. Aber die Geschichte muss der Vater den Töchtern erzählt haben.

 

LSY: Bestimmt.

 

HR: Genauso wie…mein Vater ist gekommen mit einem fremden Kind bis Taschkent, ist gestorben. Diese fremde Kind muss in meinem Alter sein. Die hat den Namen von meinem Vater gewusst. Die hätte man auch finden müssen. Es sind Menschen verloren gegangen, die man hätte finden können, aber ich wusste ja nichts. Ich war zu dumm, zu jung, zu ungebildet. Zu beschäftigt mit Brot besorgen…Essen besorgen…sofort Baby gehabt. Ich bin Wäsche waschen gegangen, draußen, so wie die Araber. Feuer gemacht mit Holz und gekocht, die Wäsche dort. Das Baby auf den Boden gelegt auf eine Decke und eine halbe Stunde länger gearbeitet, wenn ich zugeben musste…was zu trinken…das war meine Jugend.

 

 

3/00:24:56

 

 

LSY: Harte Jugend.

 

HR: Meine Jugend…ja. Ich bereue gar nichts, das ist es nicht. Ich habe das Glück gehabt, so einen Kameraden wie den David zu haben. Wirklich einen Kameraden. Wir haben uns nie angelogen, wir haben immer dem anderen geholfen und wir haben jeder sein Leben gelebt. Nicht eingemischt. Er wollte Lehrer werden, ich bin Wäsche waschen gegangen, damit er lernen kann…und noch andere Sachen gemacht. Und wie ich…ich bin mit 30 lernen gegangen. Wieso hat man mich auf die Universität genommen, nur mit Volksschule?

 

LSY: Mit 30 haben Sie angefangen Sozialarbeit zu lernen?

 

HR: Mit 30 habe ich…ja. Wieso hat man mich da überhaupt genommen bitte? Wissen Sie, ich konnte weniger Iwrit als Sie, damals. Woher hätte ich…mit wem habe ich geredet…ich habe ja mit niemanden geredet. Also schreiben und lesen konnte ich überhaupt nicht. Iwrit…Straßen und so was.

 

LSY: Warum haben Sie sich damals entschlossen, Sozialarbeit nochmal zu studieren?

 

HR: Weil ich mein ganzes Leben einen Beruf wollte. Beruf ist teurer wie alles andere. Eine Frau muss einen Beruf haben, damit sie selbstständig sein kann. Unabhängig sein kann…auch ein Mann. Ich habe ja nicht geheiratet, damit jemand mich aushält. Ich habe oft meinen Mann ausgehalten. Bei harter Arbeit. Das war überhaupt nicht das Wichtige. Aber ich mich selber…mein Vater hat gesagt: „Nimm von niemanden etwas, arbeite…und das isst, was du verdienst.“ Und das war mein…das war mein Dings. Ich habe angefangen Geisteskranke aufzunehmen. Das ist eine Geschichte…auch eine Geschichte. Und habe gehabt Geisteskranke im Alter von sechzehn bis 50 Jahre. Jüngere, ältere. Ohne Frigidär, ohne Waschmaschine, ohne…gekocht, gewaschen, gemacht, alles. Ich war damals über zwanzig…21, 22 mit zwei kleinen Kindern…die Raja war noch ein Baby. Ich habe das alles geschafft. Erst habe ich eine, dann zwei Schizophrene gehabt, dann drei. Ich wusste damals nicht was Geisteskrankheit ist. Ich wusste damals nicht was schizophren…ich wusste gar nichts. Ich bin mit vierzehn ungebildet weitergegangen in meinem Leben. Ich wusste gar nichts. Ich habe auch kaum Bücher gelesen. Ich war viel zu müde, ich habe viel zu schwer gearbeitet.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: …wie Sie zur Universität gekommen sind.

 

HR: Also wie gesagt, wir haben dieses schöne Haus gemietet in Ramat Gan. Ramat Gan, das ist ein…das ist ungefähr…damals war es eine Stunde von Tel Aviv, heute ist es…zwanzig Minuten. Und der David hat damals Arbeit gefunden…das war in einer fürchterlichen Zeit von Hunger und…Arbeit gefunden. Da war eine private Irrenanstalt ohne Pfleger und den David haben sie angestellt als Pfleger. Nicht einmal ein Koch war dort, also er hat das…was immer er dort gemacht hat. Und dieses Haus war zu mieten, ein komplettes Haus mit Möbeln, mit Geschirr, mit allem. Weil wir hatten ja nichts. Wir hatten ja nicht einmal Unterwäsche genug für uns selber…also wir hatten ja nichts. Aber das Haus war zu mieten, für 33 Pfund im Monat, wo der David 33 Pfund im Monat verdient hat. Das heißt wir haben dort zwei Monate gewohnt und keine Miete bezahlt und wir mussten dann raus aus dem Haus mit zwei Babys. Und inzwischen haben uns die Nachbarn ein bisschen kennengelernt, das hat lauter…ein Deutsch sprechendes Dorf, nur von Ostdeutschland irgendwo waren die meisten. Und kommt eine Nachbarin und sagt zu mir…sie hat gesehen, ich suche Arbeit im Haushalt, Waschen, Aufwaschen und so weiter. Sagt sie: „Schau: Da ist ein Mann, der sucht eine Unterkunft für seine Mutter, die vertragt sich nicht mit ihrer Schwiegertochter. Vielleicht nimm du sie, du hast doch…“ Sage ich: „Ich nehme den Teufel, wenn er zahlt dafür.“

 

Also der Herr Oppenheimer kommt…ein Ingenieur aus Bnei Berak, ein sehr gut aussehender Mann und sagt zu mir…und sage ich: „Schauen Sie: Alles schön und gut, ich bin da zwei Monate Zins schuldig, ich habe nicht…ich kann nicht.“ Sagt er: „Wenn ich Ihnen den Zins bezahle und Ihnen das arrangiere…nehmen Sie meine Mutter?“ Sage ich: „Den Teufel nehme ich auch.“ Er bringt mir seine Mutter, eine kleine bucklige Frau, die war schizophren. Ich wusste nicht, was das ist…schizophren. Ich habe das in meinem Leben nicht gehört, das Wort. Ich habe überhaupt nichts gewusst. Und diese Frau war ein Jahr bei uns. Ich habe für sie Mittag gekocht, aber nicht für uns, weil so viel habe ich nicht gehabt zum Essen. Also ihr habe ich Essen gegeben. Und sie hat mir den Tod gemacht, sie hat mir Blut gesaugt. Jeden Abend bin ich schlafen…weinend schlafen gegangen. Inzwischen hat der David…ich habe nicht gewusst, warum sie mich so quält. So eine kleine Frau…ich konnte nichts dagegen machen, aber ich musste sie erhalten wegen dem Geld, weil er hat unseren Zins bezahlt. Der David hat inzwischen Arbeit gefunden in einem Kinderheim, nicht weit. Und das war so irgendwie ein Anfang schon von etwas…und so weiter.

 

 

3/00:30:53

 

 

Nach dieser Frau, innerhalb der nächsten acht, neun Jahre hatte ich bis zu sechs, sieben Geisteskranke zur Pflege. Alte…alle Altersgruppen. Und alles allein gemacht: große Wäsche gewaschen, gekocht, gemacht…alles gemacht. Unsere Schulden abbezahlt, die sich…und so weiter. Und der David hat inzwischen…ist ins Lehrer-Seminar gegangen…er hat inzwischen gelernt. Er hat vormittags im Kinderheim…und dann ist er studieren gefahren, bei Nacht ist er zurück ins Kinderheim. Also das war…ein schönes Haus. Unsere Töchter erinnern sich an eine wunderschöne Kindheit in einer herrlichen Villa mit einem wunderschönen Garten, elegant eingerichtet…uns hat nicht ein Streichholz gehört davon. Und das ist ihre Jugenderinnerung. Unglaublich…unglaublich! Ich habe ganz andere Erinnerungen. Dass ich die Leute versorgen musste und dann bin ich rasch den Boden waschen gegangen. Beim Kreisler dort, weil ich ja Geld schuldig war, da habe ich den ihren Boden gewaschen, damit ich auch zahlen konnte. Ich habe wie ein Pferd gearbeitet. Ich habe noch Bekannte, die sich erinnern an mich. Und die Leute dort, das waren meistens Jeckes [Ugs. Bezeichnung auf Jiddisch für deutschsprachige jüdische EinwanderInnen in Palästina.], Deutsche, die haben uns geschätzt und gesehen, wie wir arbeiten. Trotzdem wir jung waren und…die sind alle mit Geld gekommen, die haben sich das kaufen können, das Haus…und die haben Hühnerställe gehabt. Aber die haben uns zu schätzen gewusst. Und sind uns irgendwie auch mit Achtung begegnet. Wir waren doch viel jünger.

 

Und so habe ich diese Jahre…und die ganze Lehrzeit habe ich…ich muss einen Beruf lernen. Ich habe nicht gewusst, dass es ein Beruf ist was ich mache. Ich war gewohnt an Arbeit. Also was war: Diese Kranken sind gekommen aus Spitälern. Damals hat es nicht gegeben was es heute gibt: halfway house. Die konnten von den Spitälern, von den psychiatrischen Spitälern, nicht zurück zu den Familien. Die Familien waren teilweise der Grund, dass das alles passiert ist dort. Und da haben sie gesucht, diese halfway houses…und ich war sozusagen ein halfway house. Und sie haben mir diese Kranken vom Spital gebracht. Die Psychiater…und die Psychiater sind dann auch gekommen kontrollieren, wie es ihnen geht. Und die kommen da zu uns nach Hause, und sehen mich mit meinen 22, 25, 26 Jahren…wie diese Geisteskranken, die gestern noch bei denen im Bett gelegen sind, weil sie geisteskrank sind, bei mir gearbeitet haben. Ich habe ja nichts Anderes gewusst. Ich habe denen gesagt: „Du, geh Geschirr waschen, du geh mach das, du geh mach das.“ Das ist alles, was ich gewusst habe, bitte. Nicht weil ich so gescheit war, weil ich so blöd war. Die Psychiater sind gekommen, haben ihren Augen nicht getraut.

 

Wie ich dann eines…wie der David fertig studiert hat, Lehrer geworden ist und seinen ersten Beruf als Lehrer in der Grundschule bekommen hat, habe ich gesagt: „Jetzt komme ich dran.“ Und meine Freunde, meine Verwandten haben gesagt: „Du bist nicht normal! Jetzt fängst du an zu verdienen…du verdienst Geld jetzt. Du zahlst deine Schulden, du verdienst, du kannst dir…“ Sage ich: „Ich arbeite nicht nur für Geld. Ich arbeite zum Essen. Jetzt hat der David…“ Winziges Gehalt hattest du als junger Lehrer. Ich muss einen Beruf lernen. Da war eine Sozialarbeiterin in der Gegend, die ist mich öfter besuchen gekommen, weil ich habe unter anderem als gute Nachbarin ein Baby von einer Nachbarin zur Pflege genommen, die Kinderlähmung bekommen hat. Amerikanerin. Und ich habe das Kind auch zu mir geholt, ohne Bezahlung. Und diese Nachbarin war auch Sozialarbeiterin. Da ist die immer nachschauen gekommen, wie das Baby bei mir ist und hat gesehen, was sich bei mir tut. Hat angefangen und gesagt: „Hedi, du musst lernen!“ Die hat mehr verstanden, was sie gesehen hat, wie was ich gewusst habe, dass ich mache. „Du musst lernen.“ Und die hat mir das so in den Kopf…was soll ich lernen? Ich will Schneiderin werden. Ich habe gefunden einen Arbeitsplatz als Schneiderin in Tel Aviv. Hat der David gesagt: „Kommt überhaupt nicht infrage!“ Sage ich: „Warum? Meine Mutter war Schneiderin, ich nähe gern.“ Hat er nicht erlaubt. Er war schon Lehrer, er hat schon bekommen…

 

 

3/00:35:24

 

 

Dann habe ich angefangen…ich habe doch keine Zeugnisse gehabt, keine Matura, kein Abschluss, keine Mittelschule. Da habe ich angefangen, von den Psychiatern, die mir ihre Kranken gebracht haben, Empfehlungsschreiben… Und damit bin ich dorthin gefahren und habe denen das gezeigt. Iwrit habe ich gesprochen, aber auch…mein Iwrit ist kein schönes Iwrit, was ich mit denen spreche. Aber das ist…damals war es noch weniger. Schreiben, lesen konnte ich nicht. Die haben mich dreimal herausgeschmissen, mich nicht genommen. Das war damals in der Kyria in Tel-Aviv, was heute ist…Kyria. Und da war eine Child Guides Klinik, von einem Dr. Pollack…Pellet. Und der hat mich kennengelernt über mein…eine Zeitlang haben wir gearbeitet in einem Kinderheim für juvenile delinquents in Tel Mond…da hat er mich kennengelernt. Ich habe mir gedacht, ich nehme…ich gehe mal zu ihm. Sagt er zu mir: „Pass einmal auf! Lasse das hier bleiben. Mit den Zeugnissen, ich arrangiere dir, du kannst studieren in Amerika. In anderthalb Jahren machst du deinen Abschluss, wozu brauchst du da…“ Ich komme nach Hause, sagt der David: „Du bist ja nicht normal. Was mache ich mit den zwei Kindern? Kommt überhaupt nicht infrage!“ Also bin ich noch einmal zu der Schule und wie ich das vierte Mal dort war…das dritte oder das vierte Mal…bei der Direktorin…ruft sie eine von den Lehrerinnen und sagt noch: „Die war ja schon da.“ Die haben mich beide angefangen noch einmal zu interviewen, mit mir zu reden. „Was wirst du machen, wenn du wohnst anderthalb Stunden mit dem Autobus entfernt von Tel Aviv und hast zwei kleine Kinder im Haus?“ Die wussten nicht, dass ich damals noch Pflegekinder gehabt habe. Das habe ich ihnen überhaupt nicht erzählt. „Wie wirst du das machen?“ Und ich mit meinem großen Mund sage: „Das ist überhaupt kein Problem. Ich habe einen pressure cooker. Mit dem pressure cooker kann ich kochen eins, zwei, ist kein Problem. Das ist kein Problem.“ Und das war für mich auch kein Problem, ich habe es ja gemacht. Also, die haben mich aufgenommen. Ja, und die Empfehlung von dem Dr. Pellet. Dr. Pellet hat die angerufen…hat sich dann herausgestellt…hat denen gesagt: „Ihr müsst die nehmen. Die müsst ihr nehmen.“ Der hat mich gekannt von dem Kinderheim. So habe ich angefangen, dort zu lernen.

 

Ich konnte nicht…die Vorträge nicht mitschreiben, weil ich kein Hebräisch konnte. Da habe ich sie mitgeschrieben mit deutschen Buchstaben, mit lateinischen Buchstaben. Teilweise übersetzt in Englisch. Französisch war ich damals noch perfekt, noch aus Wien. Übersetze in Französisch, in Deutsch und in Hebräisch mit lateinischen Buchstaben, mitgeschrieben, Kritzelei, unmöglich zu entziffern. Bin nach Hause gekommen um fünf Uhr Nachmittag, der David ist am Abend nach Hause gekommen. Erst hat sich hingesetzt der, dann hat er das ganze übersetzt auf Hebräisch. Ud wie alle im Bett waren, habe ich mich hingesetzt, das Ganze abgeschrieben auf Hebräisch. So habe ich schreiben gelernt. Ich habe zwei Jahre lang Durchfall gehabt vor Angst. Jedes Mal, wenn die Direktorin die Tür aufmacht, wusste ich: Jetzt schmeißt sie mich raus. Ich habe Prüfungen in…mir Zettel gefälscht…da gemacht. [Deutet auf die Innenseite ihres Rocks.] Der David hat mir diese Prüfungen gemacht, mir übersetzt. Ich wusste nicht immer genau um was es sich handelt und habe das abgeschrieben. Ich werde Ihnen das Ende erzählen von dem. Aber wie es zu der praktischen Arbeit…und das…Sozialarbeit ist sofort praktische Arbeit, gleichzeitig. Da habe ich angefangen zu arbeiten und diese Madrechar, die ich gehabt habe, das hat die wahrscheinlich irgendwie beeindruckt. Ja, sie hat mich auch nicht herausgeschmissen. Und bei der praktischen Arbeit war ich sehr gut. Ich habe mich mit den Jemeniten verstanden und mit den Irakern…ohne Sprache, mit Persern, die konnten kein Hebräisch, ich konnte kein Hebräisch, aber wir haben uns verstanden. Ich habe mit den Menschen gearbeitet in Petach Tikwa…das ist bekannt, Petach Tikwa. Ich habe dort, jahrelang…nie hat mich jemand bedroht. Dort hat man Polizei gerufen, dort war es gefährlich…schon vor 50 Jahren, wie ich dort angefangen habe. Mich hat nie jemand bedroht. Ich habe diese Schule dort fertig gemacht.

 

 

3/00:40:08

 

 

Die letzten…der letzte Tag waren drei Prüfungen…das hat einen Namen…mündliche Prüfungen von dem Ganzen was man gelernt hat. Mündlich. Und die letzte war Psychologie. Und wie ich mit allen fertig war, da war so…drei oder vier Professoren sind dort gesessen, die mich ausgefragt haben. Habe ich gesagt: „Darf ich jetzt…kann ich was sagen, bitte?“ Sage ich zu denen: „Ich möchte Ihnen bitte sagen, jetzt, wo ich am Ende bin, am Schluss bin: Ich war nie in einer Mittelschule, ich habe nie Matura…“ Ja, Entschuldigung! Matura habe ich gemacht. Ich musste Matura machen, damit sie mich ins zweite Jahr übernehmen. Das heißt…was habe ich Matura gemacht: ich habe gemacht London matriculation in Englisch, schriftlich. Und als Hauptfach habe ich angegeben Deutsch und Französisch und Hebräisch…was ich besser konnte wie die Engländer, die das dort geprüft haben. Das war meine matriculation. Auch ein Bluff, auch ein Schmäh. „Ich möchte Ihnen…dass ich das nie gemacht habe“, und so weiter. Und daraufhin sagt mir eine von meinen Lehrerinnen…da oben, diese Temaniya ist ein Geschenk von ihr. [Zeigt auf etwas.] Sagt zu mir: „Hedi, wir wussten das die ganze Zeit.“ Das heißt damals hat man Menschen aufgenommen, zu so einem Studium wie Sozialarbeit, nur, weil man beeindruckt war von der--

 

LSY: --Persönlichkeit.

 

HR: Von der Persönlichkeit. Und hat mich gelassen, zwei Jahre…ich habe Blut geschwitzt. Ich war ja zurück…die jungen…ich war 30 Jahre alt. Die anderen, die von der Mittelschule, die haben eine andere Bildung gehabt, abgesehen von Hebräisch. Blut habe ich geschwitzt. Und am Ende hat sie…Else Scherzer…eine Wienerin. Und wieso? Sie hat sich genau ausrechnen können, wo ich war die Jahre, die da gefehlt haben. Sagt so: „Hedi, wir wussten das die ganze Zeit.“ Und so habe ich meine…und ich habe eine schöne Karriere gemacht in der Sozialarbeit. Ich habe geendet, die letzten zwölf Jahre, beim Rechtsanwalt in der Rechtsabteilung vom Welfare Department. Aber ich habe vorher bessere Sachen gemacht. Wichtigere Sachen noch.

 

LSY: Was waren so deine wichtigsten Erlebnisse in dem--

 

HR: --habe ich geschrieben in meinem Buch. Ich habe…mein meschugges im Kopf war arbeiten. Der Mensch muss arbeiten, damit er selbstständig ist. Ich habe diese Rachel Katur…quadriplegia, wissen Sie was das ist, quadriplegia? Zwei Finger konnte sie nur bewegen, eine kleine temliya. Ich habe sie gebracht, sie war nur eine…zu einem Beruf, vielleicht arbeitet sie noch bis heute in Gehan, im Belessot Spital, da ist sie…psychiatrische Abteilung, da hat sie gelernt…Kranken…wie heißt das? Hilfe--

 

LSY: --Krankenpflegerin?

 

HR: Sekretärin. Medical secretary. Ich habe ihr ein Auto verschafft, ich habe ihr Fahren beigebracht mit zwei Fingern. Es ist unglaublich. Ich habe ihre eine Wohnung verschafft in Petach Tikwa und ein Doppelbett, wenn Sie einen Burschen findet, trotz ihrer Lähmung…dass sie es haben. Und ich habe wirklich…ich erzähle Ihnen das, weil ich Sie nicht kenne und weil ich mich nicht protzen will. Aber das ist die Wahrheit und es gibt Menschen, die können das bestätigen. Ich habe Leute zur Arbeit gebracht…unglaublich. Und das habe ich gemacht und auf das bin ich stolz. Auf das bin ich stolz. Das war, weil mir ein…wer arbeitet…das war es. Ich habe vielleicht vernachlässigt…vielleicht habe ich meine Töchter ein bisschen vernachlässigt. Ich war so verfangen in dieses Studieren.

 

 

3/00:44:35

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Ich habe so viele theoretische Bücher gelesen über Psychologie, Psychiatrie und so weiter. Ich wurde nachher מדריכה [hebr.: Ausbildnerin]…scout, wie heißt das?

 

LSY: Guide--

 

HR: --für Studenten. Für…in beiden Universitäten habe ich Studenten gehabt und war…von was? Von den Büchern, nicht von dem was ich gelernt habe. Was ich gelernt habe, habe ich ja nicht verstanden, wie ich es gelernt habe. Von den Büchern. Ich habe hier noch einige Bücher. Wir haben Freunde gemacht in Kanada, wie wir da waren. Ich habe auch in Kanada gearbeitet als Sozialarbeiterin. Kann ich…ich habe Zeugnisse von denen bekommen. Es war ein wunderbares Leben. Es war ein wunderbares Leben, weil wir haben beide gesagt…und ich habe gesagt: „Beruf. Beruf, Beruf, Beruf.“ Und wir haben gelebt von zwei bescheidenen Gehältern und haben unsere Kinder erzogen. Unsere Kinder sind in Ordnung erzogen. Sie haben vielleicht…haben vielleicht ein bisschen an mich irgendwelche Ansprüche…nicht zufrieden. Ich glaube es ihnen. Was soll ich machen? Ich habe mein Bestes getan. Es hat angefangen mich zu kränken, wie sie älter geworden sind. Aber jetzt, wo ich sie wirklich brauche, kränkt es mich nicht mehr. So ist es: Das ist ihr Leben, das ist mein Leben. Ich war nie die Mutter, die: „Butzele, schmutzele…“ Ich habe keine Zeit dafür gehabt, ich habe keine Nerven dafür, ich habe kein Verständnis, ich habe für nichts… Ich habe die Kinder geliebt, ich habe…unlängst bin ich mit dem David gesessen, sage ich: „Schau David, erinnerst du dich?“ Ich erinnere ihn an alte Sachen, ich habe Angst, dass er sich verliert ein bisschen jetzt. Unsere Kinder waren immer schön angezogen. Ich habe sie…ich habe von Soldaten alte Handschuhe, Kappen und das…habe gehäkelt, sie waren angezogen: immer tip top. Ich habe für sie genäht. So viel Nähen habe ich als Kind noch…ich habe für sie…sie waren immer tadellos angezogen. In meinen ärmsten Zeiten waren meine Kinder nie schmutzig. Wieso, ich weiß nicht, aber so war es. Ich habe einen Zeugen, den David.

 

LSY: So, wie es bei Ihnen in der Kindheit ja auch war, dass Sie immer tip top angezogen waren, obwohl--

 

HR: --naja, ich war tip top am Sonntag angezogen. Sonntag, wenn wir ausgegangen sind. Unter der Woche, da hat meine Mutter mir solche Barrenkleider genäht mit weißem Bubikragen. Habe ich auch angezogen, aber ich habe Freundinnen gehabt, die waren eleganter und schöner angezogen. Ja, aber Anziehen war natürlich immer wichtig. Ich bin aufgewachsen…bei so einer Schneiderei, ich meine, das war Kunst.

 

 

[Ende des Interviews.]

Dokument
Autobiografische Sammlung von Rosner und ihrem Mann David, Israel 2006.