Baruch Milrom 1921

Baruch Milrom wurde 1921 in Baden bei Wien geboren, wo seine Eltern ein Lebensmittelgeschäft betrieben. Nach dem ‚Anschluss’ wurde das Geschäft von SA-Männern geplündert, die Familie musste Baden kurze Zeit später verlassen. Mit Hilfe einer zionistischen Jugendorganisation konnte Milrom nach Palästina flüchten. Seinem Bruder gelang ebenfalls die Flucht, seine Eltern wurden jedoch in der Schoa ermordet. In Israel war Milrom unter anderem für eine internationale Schifffahrtsgesellschaft tätig. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte er in Haifa.

Vollständiges Interview

Teil 1
Teil 2
Art des Interviews:
Video
Ort des Interviews:
Haifa, Israel
Sprache(n) des Interviews:
Deutsch, Hebräisch
InterviewerIn:
Lisa Schulz-Yatsiv
Interviewdauer:
01:03:58
Bestand:
LBI Jerusalem
Sitzungsanzahl:
1
Datum des Interviews:
20. Mai 2014
Baruch Milrom
Geburtsdatum:
19. September 1921
Geburtsort:
Baden, Österreich
Fluchtroute
1940 Wien, Deutsches Reich
1940 Bratislava, Tschechoslowakei
1940 Rumänien
1940 Haifa, Palästina
Lebensstationen
Hier sind in chronologischer Reihenfolge Orte erfasst, an denen sich die interviewte Person im Laufe ihres Lebens aufgehalten hat.
Baden, Österreich
Wien, Österreich
Hachscharalager Markhof, Deutsches Reich
Gefangenenlager Atlit, Atlit, Palästina
Kiryat Haim, Palästina
Haifa, Israel
Organisationen
Agudath Israel - Österreich
Misrachi - Österreich
Ausbildung
Pflichtschule
Volksschule
Baden, Österreich
Pflichtschule
Mittelschule
Baden, Österreich
Beruf/Beschäftigung

in chronologischer Reihenfolge

Angestellter
Militär, öffentliche oder private Sicherheitsdienste / Architektur, Bau, Holz
Palästina
Kiryat Haim
Sicherheitsbeamter
Militär, öffentliche oder private Sicherheitsdienste
Israel
Haifa
Angestellter
Verkehr, Transport, Zustelldienste
Israel
Haifa
„Spricht über“ sind besonders interessante Passagen in den Interviews, die von der Redaktion des Austrian Heritage Archive zusammengestellt wurden.
Erinnerung an den ‚Anschluss’
Erinnerungen an die Novemberpogrome in Wien
Explosion der Patria im Hafen von Haifa 1940
Einleben in Palästina
Besuch in Baden nach 1945
Identität

Teil 1

 

 

LSY: Heute ist der 20. Mai 2014. Dies ist ein Interview mit Baruch Milrom, interviewt von Lisa Schulz-Yatsiv. Wir befinden uns in Haifa, in der Wohnung von Baruch. Wir beginnen ganz am Anfang: Sie sind geboren in Baden--

 

BM: --in Baden bei Wien, ja. In Österreich, 1921, am 19. September.

 

LSY: Können Sie mir ein bisschen von ihrer Familie, von Ihrer frühesten Kindheit die Sie dort hatten, erzählen?

 

BM: Nachdem ich schon ein bisschen größer war…meine Eltern…ich war zusammen mit den Eltern in Baden. Wir hatten dort ein Lebensmittelgeschäft und anschließend an das Geschäft war auch unsere Wohnung. Als Kind, die ersten paar Jahre bis ich zur Schule gegangen bin, war ich daheim. Und nachher habe ich angefangen in die Volksschule zu gehen und nachher in die Mittelschule. Bis 1938 hat alles mehr oder weniger geklappt. Wir hatten dort sehr viele Nachbarn – nicht Juden, sondern auch Christen – mit denen wir in sehr guten Beziehungen waren, all die Jahre. Aber wie der Anschluss war, hat sich alles geändert.

 

LSY: Wie viele Juden gab es damals ungefähr in Baden?

 

BM: In Baden hat es 1.200 Juden gegeben, soviel ich weiß…was man mir erzählt hat. Ich komme aus einem religiösen Heim. Und drei, vier Tage nach dem Anschluss…der Anschluss war Freitagabend und ich glaube, es war Montag oder Dienstag, ich kann es nicht genau sagen…sind die…wir haben doch ein Geschäft gehabt, so wie ich Ihnen gesagt habe…sind die SA [Sturmabteilung] mit den braunen Uniformen gekommen, mit einer Lastmaschine und haben alles geplündert aus dem Geschäft. Also so, dass wir ohne Geschäft geblieben sind, nur mit der Wohnung. Die Lage war ziemlich schwer. Weil…wir lebten von dem Geschäft. So, dass meine Mutter alles gemacht hat, dass wir vielleicht noch etwas verdienen. Also hat sie begonnen daheim zu backen. Und nachher waren doch noch einige Juden in Baden und außerdem hatten wir auch weite Verwandte in Wien und dann haben wir denen die Kuchen gebracht und so weiter. Also, bis zum 10. November, als der ermordet wurde, der…wie heißt er schnell? Die Kristallnacht. Hat man sich so geschleppt, wie man konnte. Und in derselben Nacht sind sie zu unserem Heim gekommen und haben mich…meinen Vater, meinen gottseligen Vater und mich genommen…zehn Uhr am Abend, erinnere ich mich, mehr oder weniger neun oder zehn am Abend…auf eine Lastmaschine, fahren in den Straßen und Straßen reinigen. Ich meine…wie soll ich Ihnen das sagen? Sie wollten alles machen um uns das Leben schwer zu machen.

 

LSY: Um euch zu demütigen?

 

BM: Ja. Wir mussten die Straßen reinigen und alle Sachen. Und um circa drei Uhr Nacht haben sie uns befreit. Damals war ich noch ein Kind. Im [19]38er-Jahr war ich damals sechzehn Jahre. Nachher, all die Jahre, haben wir mehr oder weniger gut gelebt. Gelebt so wie man leben konnte.

 

LSY: Bis zum Anschluss.

 

BM: Ja.

 

 

1/00:04:56

 

 

LSY: Können Sie sich denn noch erinnern, ob es auch vor dem Anschluss jemals auch Antisemitismus gegeben hat?

 

BM: Wir persönlich haben nicht gelitten unter Antisemitismus. Leute haben erzählt, dass es in Österreich Antisemitismus gibt und das weiß ich, dass es wirklich so war. Aber wir persönlich nicht. Wir haben sehr gut gelebt, mit allen unseren Nachbarn. Das meiste waren doch nicht Juden, das waren Christen. Und es waren einige Juden auch. Also, wir haben sehr gut gelebt. Wir konnten uns nicht beklagen.

 

LSY: Und die Schule in die Sie gegangen sind? Das war eine--

 

BM: --ja, zur Schule bin ich noch gegangen, ein paar Monate, am Anfang. Und nachher hat man mir gesagt, ich kann nicht mehr weiter studieren…weiter lernen…und habe aufgehört zu lernen. Außerdem bin ich auch noch ein Teil…ich habe auch in der Handelsschule studiert – Wirtschaftsschule – in Baden. Und nachdem ich doch…auch meine Eltern wollten…ich sollte einen Beruf haben…haben sie mich eingeschrieben in der Handelsakademie in Wien. Das hätte beginnen sollen im September oder was, [19]38. Aber so weit ist es schon nicht mehr gekommen. Sie haben gesagt: „Kommt nicht in Frage.“ Also, dass ich nicht weiter studieren konnte. Die erste Zeit…so wie ich Ihnen gesagt habe: Wir haben gelebt, die Mutter hat gebacken und ich habe…wir haben das so ein bisschen verkauft. Nur um irgendwelche Sachen zu machen, dass wir noch etwas machen können. Ja, das habe ich vergessen: Ich hatte noch einen Bruder. Gott sei Dank, heute lebt er in Amerika.

 

LSY: Er ist jünger gewesen?

 

BM: Ja, vier Jahre jünger. Und er ist nur bis zu zwölf Jahren gekommen und nachher mussten wir schon weg.

 

LSY: Kann ich Sie noch fragen: Sind Ihre Eltern auch schon in Österreich geboren? Oder wie sind die damals--

 

BM: --nein, meine Eltern sind in Polen geboren. Der Vater war im letzten Weltkrieg, [19]14, [19]18, in der Armee. Seine erste Frau…ich bin von der zweiten Frau…seine erste Frau ist umgekommen im Jahre [19]18 oder [19]19, das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Nachher hat er noch einmal geheiratet im Jahre [19]20 und ich bin geboren, so wie ich gesagt habe, im Jahre [19]21 und mein Bruder im Jahre [19]25.

 

LSY: Und wann sind die Eltern nach Österreich gekommen?

 

BM: Der Vater ist gleich nach dem Weltkrieg in Österreich geblieben. Die Mutter, wann sie gekommen ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Meine Mutter…kann ich Ihnen nicht genau sagen, wann sie aus Polen gekommen ist. Auf jeden Fall, geboren sind die Eltern in Polen und wir hatten auch seinerzeit die polnische Staatsbürgerschaft. Aber nachher konnten wir die nicht mehr behalten…wurden wir staatenlos.

 

LSY: Und der Rest der Familie hat also in Polen gelebt? Ihre Großeltern und--

 

BM: --ja, der Rest der Familie von meinem Vater und meiner Mutter haben in Polen gelebt.

 

LSY: Haben Sie die auch gekannt?

 

BM: Persönlich habe ich sie nicht gekannt, nur durch…schriftlich, durch die Eltern. Ich wusste nur, dass wir da Verwandte haben in Polen, von meinem Vater und auch von meiner Mutter. Aber persönlich habe ich sie nicht gekannt.

 

LSY: Und was hat man bei Ihnen zuhause gesprochen? Jiddisch oder--

 

BM: --die Eltern unter sich haben Jiddisch gesprochen und wir Deutsch. Also so, dass…wir haben uns gut verstanden. [Beide lachen.]

 

LSY: Aber Jiddisch haben Sie auch sprechen und verstehen gelernt?

 

BM: Ja, ich habe sehr gut Jiddisch…ich kann noch heute gut Jiddisch. Auch meine Tochter, die hier lebt…versteht alles in Jiddisch. Und auch mein Sohn. Also, die Kindersprache nachher war Deutsch, weil ich doch in die Schule gegangen bin.

 

LSY: Haben Sie sich damals als Österreicher gefühlt? Haben Sie sich identifiziert mit dem?

 

BM: Ich habe mich gefühlt als Österreicher. Ich habe mich in der Schule genauso gefühlt wie jeder Österreicher. Überhaupt nicht gefühlt, dass ich staatenlos bin oder seinerzeit polnischer Staatsbürger.

 

 

1/00:10:08

 

 

LSY: Wo war die Synagoge in die Ihre Familie gegangen ist?

 

BM: Die Synagoge war ziemlich weit weg und wir sind…nachdem wir doch religiös waren…jeden Tag bin ich mit dem Vater zur Synagoge gefahren…gegangen. In der Früh und auch sogar am Abend. Und mein Vater war sehr aktiv in der Synagoge, hat gearbeitet als…ich meine freiwillig…als [unklar]. Was soll ich Ihnen sagen: Wir haben ein normales, gutes Leben gehabt. Wir konnten uns nicht beklagen.

 

LSY: Und Sie haben neben der Schule auch noch religiöse Studien…gemacht?

 

BM: Ja. Neben der Schule daheim habe ich gelernt חומש [hebr.: Chumasch, Tora in Buchform] und [unklar] und auch außerdem…in Baden, der Rabbiner war [Hartwig] Carlebach, der Vater von Shlomo Carlebach. Mit denen waren wir in sehr guten connections. Und dort habe ich, haben wir gehabt Kurse in המרה [hebr.: Konversion] und משנאית [hebr.: Mischnait] und alle die Sachen וחומש, כן. [hebr.: und Chumasch, ja.].

 

LSY: Und in Ihrer Klasse waren auch noch andere Juden?

 

BM: In meiner Klasse waren noch drei Juden. Einer lebt noch in Tel Aviv. Weber, wenn Sie sich das aufschreiben. Der kann Ihnen auch einiges erzählen. Weber, Kurt Weber.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

In der Schule haben wir uns als Juden in Ordnung gefühlt. Wir haben nicht das Gefühl gehabt, dass wir anders behandelt werden als die Christen. Wir waren auch eine ziemlich große Klasse von 40 Kindern.

 

LSY: Und auch die Lehrer haben Sie eigentlich normal--

 

BM: --ja, die Lehrer waren alle in Ordnung. Bis heute erinnere ich mich sogar noch an die Namen.

 

LSY: Waren Sie ein guter Schüler? Sind Sie gerne in die Schule gegangen?

 

BM: Ich war nicht nur ein guter Schüler, ich habe sehr gute Noten bekommen. Es war immer geschrieben…in der ersten Klasse…ich habe noch die Zeugnisse…nicht hier im Moment. Ich habe sie daheim, bevor ich hergekommen bin. Alles sehr gut, sehr gut.

 

LSY: Was waren Ihre Lieblingsfächer?

 

BM: Das war in der Volksschule alles Allgemeine. Und auch חשבון [hebr.: Rechnen] habe ich immer gerngehabt. Bis heute…Sie werden sich wundern: Ich arbeite noch bis heute, freiwillig. Ich bin, nachdem ich doch gearbeitet habe bei ZIM [Zim Integrated Shipping Services Ltd.; israelisches Schifffahrtsunternehmen]…ZIM war doch eine sehr…ist noch heute eine große Firma. בבואדון הגמלאים אני הגסבר שלהם [hebr.: Im Pensionistenklub bin ich Kassier].

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: Sie waren auch bei zwei Jugendbewegungen, oder?

 

BM: Ja. Am Anfang war ich bei Agudath Israel, und nachher…also, bevor ich hier hergekommen bin…sogar in Agudath Israel habe ich freiwillig gearbeitet. Es war doch sehr schwer koscheres Fleisch zu bekommen. Da habe ich den Leuten, die nur koscher gegessen haben, von der Agudath Israel kleine Portionen von Fleisch heimgebracht. Nachher bin ich hinübergegangen zu Misrachi…das heißt, ich bin nicht rübergegangen, sondern Misrachi hat Transporte erledigt und durch Misrachi bin ich eigentlich hergekommen. Da hat es gegeben den Transport, das war der Rotgassentransport…und die haben mich hierhergebracht. Und nachher war ich…ich war doch auf der Patria auch.

 

LSY: Ja, wir sprechen gleich noch über Ihren Transport. Ich wollte noch fragen: Wo dann damals--

 

BM: --ja, ich habe vergessen Ihnen zu sagen: Im Jahre [19]39 sind die…also, die Behörden dort gekommen und haben gesagt: „Ihr müsst Baden verlassen.“ Also sind wir nach Wien gegangen. Wir hatten dort weite Verwandte und die waren…in der ersten Zeit haben wir bei denen gelebt. Das heißt, nicht bis ich weggefahren bin aus Wien…in der Floßgasse 9 – erinnere ich mich noch bis jetzt – gewohnt. Aber mein Vater, in der Zeit, als wir in Wien waren…nachdem er Angst gehabt hat, dass man ihn nach Dachau mitnehmen soll, so wie die anderen, hat er alles getan um zu flüchten. Ist er geflüchtet, nach Jugoslawien.

 

 

1/00:15:18

 

 

Derweil reden wir noch von Baden. [19]39er-Jahr sind wir--

 

LSY: --alle Juden mussten aus Baden raus.

 

BM: Ich nehme an, dass auch die anderen…ich rede jetzt von uns.

 

LSY: Und Sie sind dann nach Wien?

 

BM: Ja. Soviel ich weiß und gehört habe, sind alle Juden…haben die gesagt: „Ihr müsst Baden judenrein machen.“

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: Ich erinnere mich nur an das, was ich gelesen habe…dass Sie kurz nach der Reichskristallnacht, also noch [19]38…sind Sie dann auch nach Wien gefahren um sich anzuschauen, wie es dort ausschaut?

 

BM: Ja, ja! Ich bin mit einigen--

 

LSY: --das war sehr mutig!

 

BM: Am nächsten Tag, am 9. November…am Abend hat es begonnen, die Kristallnacht. Am nächsten Tag, um zehn Uhr Vormittag, bin ich noch nach Wien gefahren mit einer großen Tasche, die ich noch in meiner Wohnung hatte, mit Kuchen und auch Geflügel…man konnte ja nicht mehr schlachten. Die Leute wollten koscheres Essen…wir hatten dort einen Schochet gehabt in Baden, der hat geschlachtet und ich habe geschleppt…Hühner, so viel ich konnte. Zwei Hähne oder was und Kuchen, um das zu verkaufen. Also, wie ich nach Wien gekommen bin, am 10. November, höre ich die ganze Zeit, man schießt und…der polnische Tempel in Wien hat schon gebrannt. Und die haben in der Nähe gewohnt. Ich habe gesehen: „Es ist bitter, ich muss weglaufen“, und habe alles dort gelassen und bin schnell zurückgefahren zur Bahn, die nach Baden fährt, um schnell herauszukommen aus Wien. Ich habe Angst gehabt, dass sie mich noch nehmen werden. Und da erinnere ich mich noch bis heute, wie ich gekommen bin zum Zug. Und der Zug ist schon gestanden um nach Baden zu fahren. Das war ein elektrischer Zug zwischen Wien und Baden bei Wien. Ich habe schnell eine Zeitung gekauft und ich wollte nicht, dass sie mich sehen, dass ich ein Jud‘ [Jude] bin. Habe die ganze Zeit die Zeitung so gehalten. [Deutet Zeitung vor seinem Gesicht an.] Man soll mein Gesicht nicht sehen, bis ich abgefahren bin und es ist mir gelungen, Gott sei Dank, nach Baden zu kommen. Ich bin schnell heimgelaufen von der Station und war zusammen mit den Eltern. Ich sage, so viel zu erzählen ist unmöglich. [Lacht.] Gut, dass ich mich noch erinnere, mehr oder weniger.

 

LSY: Und in Baden hat man die Synagoge auch abgebrannt?

 

BM: Ja, sicher! In Baden haben sie die Synagoge nicht…auch verbrannt. Obwohl man jetzt…in den letzten paar Jahren hat man sie wieder renoviert. Und wir wurden sogar eingeladen mit meiner gottseligen…nein, das war schon mit meiner Tochter…um zu sehen, wie sie…in Baden, das war in der Grabengasse. Und dort hat der Weber gewohnt. Sein Vater hat gearbeitet am jüdischen Friedhof. Und da war…der Schochet hat auch dort gewohnt. Die Wohnungen waren neben בית הכנסת [hebr.: der Synagoge] im Hof dort auch. Und der, der uns das geschlachtet hat, die Sachen. Und [Arnold] Singer war nebenan auch, neben der Synagoge. Er war dort Religionslehrer. In der Zeit…außerdem bin ich hier in die Schule gegangen, in den Religionsunterricht.

 

LSY: Waren die meisten…war die jüdische Gemeinde in Baden religiös?

 

BM: Ein Teil…ein Großteil war religiös. Ein Großteil, muss ich sagen. Wir hatten nicht nur eine Synagoge, eine große, wir hatten auch ein בית מדרש [hebr.:, jüdischer Lernort, Eigenname Beth Midrasch]. Im בית מדרש waren die anderen, die nicht…die noch frömmer waren als die in der Synagoge.

 

LSY: Können Sie sich noch erinnern, als damals der Anschluss war, waren Sie und Ihre Familie überrascht darüber, wie begeistert die Österreicher die Deutschen empfangen haben?

 

BM: Ich muss Ihnen sagen, ich konnte…bis heute kann ich nicht verstehen…man hat so viele Jahre in Baden gelebt…nicht gefühlt, gar nichts. Über Nacht sind sie alle…das heißt, sie waren Nazis…gekommen und am nächsten Tag, Vormittag, am Sabbat Vormittag, sind sie schon herumgelaufen mit den SA-Uniformen, mit den Hakenkreuzen. Das was uns…du lebst in einem Land, wo du überhaupt nicht weißt…weil wir haben den Antisemitismus nicht gefühlt. Es war ein Antisemitismus. Aber wir persönlich haben das nicht gefühlt. Aber über Nacht ist alles ganz anders.

 

 

1/00:20:18

 

 

LSY: Und die Nachbarn, haben die sich auch anders euch gegenüber verhalten?

 

BM: Die Nachbarn, die wir gehabt haben, haben sich sehr gut…wie heißt es?

 

LSY: Verhalten.

 

BM: Verhalten. Bis heute habe ich noch Verbindungen. Zufällig war einer da, erst vor ein paar Wochen. [Lacht und steht auf.]

 

LSY: Wirklich? [Lacht.]

 

BM: Ich hatte doch einen Freund, einen Nichtjuden, der war Nachbar. Franz Wagner hat er geheißen.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: Wie hat der sich…wir haben darüber gesprochen…nach dem Anschluss--

 

BM: --er hat gesagt, er will mich sehen und ich wollte ihn auch sehen. Nachdem wir doch als Kinder die ganzen Jahre zusammen waren, bis zum Anschluss. Also haben wir uns getroffen. Sagt er, er kann nicht kommen, er hat Angst zu fliegen und auch mit dem Schiff zu kommen. Weil ich habe ihm gesagt: „Wenn du Angst hast zu fliegen, dann komm mit dem Schiff – kein Problem.“ Also bin ich hingefahren zu ihm. Hat uns der Franz, wie man sagt, aufgenommen…das war noch mit meiner gottseligen Frau…wie Könige. Er wusste nicht, was zu tun. Ist mit uns herumgefahren in Baden. Das will ich Ihnen gleich erzählen: Hat uns Baden gezeigt. Ich habe doch Baden gut gekannt, ich war doch viele Jahre…aber das Traurige in Baden war eines, wie ich mit meiner gottseligen Frau gekommen bin. Ich habe gesagt: „Ich will sehen…du sollst sehen, wo ich gelebt habe und wie ich gelebt habe.“ Ich bin hingekommen in mein Haus. Das war nicht unser Haus, aber von den Verwandten…von Verwandten das Haus. Wir hatten dort gewohnt und das Geschäft gehabt und die hatten über uns gewohnt. Und ich bin unten beim Tor im Garten und ich kann nicht reinkommen. Da habe ich geläutet. Kommt einer raus, der oben da gewohnt hat nachher, in der Wohnung von dem בעל הבתים [hebr.: Hausbesitzer]…von den Verwandten: „Was machen Sie? Wen suchen Sie hier?“ Habe ich ihm gesagt: „Ich bin aus Baden. Ich habe hier all die Jahre gelebt und ich wollte meiner…nachdem ich jetzt nicht mehr in Baden bin, meiner Frau zeigen, wo ich gelebt habe und wie ich gelebt habe. Wollen Sie das öffnen?“ Er ist verschwunden. Er hat schnell zugemacht das Fenster und wollte uns nicht sehen. Auf jeden Fall, nebenan hat eine Italienerin gewohnt, die hat das gehört. Hat sie mich gefragt: „Was ist da los?“ Habe ich ihr erzählt, dass ich das sehen wollte und hat er…er will mich nicht sehen. Sagt sie mir noch: „Ja, was willst du? Das ist doch ein Nazi.“ Der hat sicher Angst gehabt, dass ich nach Baden gekommen bin um zu sehen, was wir…wir haben doch alles dort gelassen, Möbel und alles, das ganze Vermögen, das wir gehabt haben. Bis heute haben wir noch in Baden Teile vom Schmuck von meiner gottseligen Mutter. Wir haben Angst gehabt, es in der Wohnung zu behalten, weil die alles weggenommen haben. Haben wir das begraben im Hof…das war so ein Hügel…begraben. Aber der ist so groß, dass man einen Traktor nehmen müsste und alles aufreißen. Das liegt in der Erde, wie man sagt.

 

LSY: Wann war das? Wann sind Sie nach Österreich gefahren? Zu Besuch nach Baden…was Sie gerade erzählt haben, wann war das?

 

BM: Zu Besuch nach Baden, das war…in den [19]60er-Jahren. Genau kann ich…ich habe es zwar irgendwo aufgeschrieben…aber in den [19]60er-Jahren.

 

LSY: Ich gehe nochmal wieder zurück: Wir waren…also, die Familie ist dann 1939 nach Wien übersiedelt--

 

BM: --wir sind nicht übersiedelt, man hat uns rausgeschmissen.

 

LSY: Man hat sie rausgeschmissen--

 

BM: --wir haben in Wien gelebt, bis mein Vater…also bis Herbst, Ende Herbst schon, wie er gesehen hat, es wird schon länger wärmer, immer wärmer und wärmer…heißer…und er Angst hat, dass man wie die anderen Juden mitgenommen haben nach Dachau…ist er geflüchtet nach Jugoslawien. Einige Male hat man ihn erwischt bei der Grenze. Man musste doch die Grenzpolizei bestechen. Zum Schluss ist es ihm gelungen nach Jugoslawien zu kommen. Dort hat er gelebt, in Zagreb, all die Jahre und hat sich sehr gut gefühlt dort, all die Monate, die er da war. So gut, dass er gesagt hat, wenn der jüngere Bruder…ich war schon damals eingeschrieben für den Palästina-Transport. Hat er gesagt, meiner gottseligen Mutter, sie soll doch schicken den Jungen. Er war doch vier Jahre jünger. Also, er war damals dreizehn oder sowas…in dem Alter. Er ist auch nach Jugoslawien…mein Vater, alles in Ordnung. Und zum Schluss ist Hitler einmarschiert nach Jugoslawien und hat die alle vertrieben, aus Zagreb. Ich weiß nicht, ob auch die dortigen Juden…auf jeden Fall…und haben ihn weggeschickt in ein Camp nach Brčko. In Brčko, das war ein Camp, das war in der Gegend wo eine Menge von Moslems gelebt haben und soviel ich weiß משמועות [hebr.: von Gerüchten], von Gerüchten…in der Weihnachtsnacht, Christmas…sind sie gekommen und haben die alle getötet, in einer furchtbaren Art. Die Augen ausgestochen, die Ohren abgeschnitten. [Weint.]

 

 

1/00:26:52

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: Sie haben gerade erzählt von…Ihr Vater ist dann dort ermordet worden.

 

BM: Ja, also das sind Gerüchte. Aber nachdem ich doch…ich habe mich verbunden mit Yad Vashem und wollte, dass sie mir vielleicht…was machen können. Sie haben gesagt, sie wissen nichts. Und auch von meiner Mutter, leider Gottes, weiß ich nichts. Man hat sie am Anfang weggeschickt. Meine Mutter hat mich noch…hat uns geschickt: „Geht weg. Ich bleibe alleine in Wien.“ Wo wir gewohnt…wir haben dort ein Zimmer gehabt. „Ich will nicht…ihr sollt nicht dableiben.“ So, dass ich bin weg nach…am Anfang Hachschara gewesen…an der slowakischen Grenze…und nachher mit der Patria hergekommen. Und meinem Bruder hat sie auch gesagt: „Geh’, fahr’ zum Vater, weil…אי אפשר לדעת [hebr.: unmöglich zu wissen], ob die nicht auch dich mitnehmen werden.“

 

LSY: Der Bruder ist nicht in das Lager gekommen, wo der Vater umgebracht wurde?

 

BM: Nein, Gott sei Dank nicht! Der Bruder hat noch Glück gehabt. Er ist doch von der Jugend-Alija gefahren. Die haben noch im letzten Moment einen Transport gehabt mit der Bahn von Jugoslawien durch Bulgarien, Rumänien hierher zu kommen…hergekommen in der Zeit, in der ich in Atlit interniert war. Ich war doch fast ein Jahr in Atlit. Ist es hier geschrieben? Auf jeden Fall, in der Zeit heißt es--

 

LSY: --ist er noch gekommen, mit dem Transport.

 

BM: Ja. Ihm ist es noch gelungen herzukommen.

 

 

[Kurzer Wortwechsel mit der Interviewerin. Milrom bietet ihr das „Du“ an.]

 

 

LSY: Also, du warst dann auf Hachschara noch--

 

BM: --ich war auf Hachschara bevor ich in Markhof…das ist an der slowakischen Grenze, Österreich-Slowakien…war ich in Hachschara, weil man mir gesagt hat: „Wenn du nach Palästina fahren willst, musst du wenigstens Hachschara machen. Wir wollen doch keine…keine Professoren dorthin schicken“, seinerzeit.

 

LSY: Was habt ihr dort gelernt?

 

BM: Dort habe ich gearbeitet am Anfang…חקלאות קצת [hebr.: Landwirtschaft, ein bisschen] und nachher in einer Hühnerfarm. Ich habe sogar noch Bilder von der Hühnerfarm da. [Lacht.]

 

LSY: Müssen Sie mir nachher nochmal zeigen.

 

BM: Ja, wo ich das alles so…so viele Alben, da kann ich sitzen mit Ihnen den ganzen Tag und alle durchgehen.

 

LSY: Aber das war so: In Ihrer Familie hat man vorher ja eigentlich nicht darüber nachgedacht und nicht über Zionismus gesprochen.

 

BM: Nein. Wir…man wusste nicht, wo man ist. Mit einem Wort: Wir waren verbittert. [Zeigt auf etwas.] Das wollte ich Ihnen sagen, das erscheint nicht hier: Nachdem wir viele, viele Verwandte in Amerika haben…und seinerzeit, wie das passiert ist, wollten wir auswandern. Nach Palästina haben wir keine Möglichkeit gehabt, weil man musste, wenn man auswandern wollte, offiziell kommen…mit Zertifikat. Also haben wir denen…haben die uns gleich Affidavits geschickt. Und nachdem wir die Affidavits bekommen haben, waren wir sicher noch: „Jetzt sind wir auf der Fährte, wir fahren nach Amerika.“ Aber was war? Die Amerikaner haben die Leute nicht hereingelassen. Das ging nach Quoten. Und die Quote ist gegangen nach dem, wo sie geboren sind. Nachdem meine Eltern geboren sind in Polen, die Quote war sehr klein, 6.000 Menschen im Jahr…und es waren noch hunderte…weiß nicht, zehntausende, die gewartet haben. Und die österreichische Quote war gut. In der Zwischenzeit haben wir einen Lift bestellt und haben einen Teil von unseren Sachen nach Amerika geschickt. Das liegt noch heute in Amerika irgendwo. [Räuspert sich.]

 

 

1/00:31:12

 

 

LSY: Und ihr hattet eigentlich gedacht, dass ihr nach Amerika kommt?

 

BM: Ja, wir waren sicher…das heißt, für uns…nachdem wir die Affidavits hatten und gute Affidavits…dass wir fahren, aber das war alles [unklar], wie man sagt. Aber…ich sage Ihnen…das habe ich alles geschrieben.

 

LSY: Und Sie sind dann im September 1941--

 

BM: --im September 1940 bin ich mit der Bahn von Wien nach Bratislava, das ist Slowakien, gefahren und dort haben schon die Transporte gewartet. Die Donauschiffe…auf der Donau haben die doch die Schiffe für Passagiere…bequem…hat man uns aufgegeben…gewesen zwei, drei Tage bis alle von allen Transporten kommen. Ein Teil ist gekommen aus Deutschland, ein Teil ist gekommen von der Tschechoslowakei…wir waren da auf dem Schiff, auf der Uranus. Mit der Uranus bin ich gefahren. Bis zu tausend Leute, oder wie viel…und sind gefahren entlang der Donau von Slowakien nach Jugoslawien…nein! Slowakien – ich gehe die Donau entlang geografisch –, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien. Bis wir nach Rumänien gekommen sind. Dort hat man uns auf so eine…fragen Sie nicht…ein Boot, 300 Tonnen. Heute gibt es so was gar nicht mehr. Waren wir fast 1.000 Leute. Ich glaube, das ist da auch irgendwie geschrieben, irgendwo. Und hat uns daraufgelegt und nachher da hat man uns…von dort sollten wir nach Israel kommen…also, damals nach Palästina kommen.

 

Und in der Zwischenzeit wollten die Engländer doch nicht, dass illegale Transporte herkommen und sind doch immer nachgegangen, wenn sie Boote gesehen haben. Und wir sind entlang dem Mittelmeer gefahren…hin und nachher mussten wieder zurück. So sind wir hin- und zurückgefahren. Angekommen sind wir in Haifa, am 1. November 1940. Und nachdem man uns nicht reingelassen hat bis zum…sind wir circa zwei, drei Wochen an der Grenze von Haifa gestanden. Und am 25. November ist das doch mit der Patria passiert, dass sie gesunken ist. Und ich habe ein Massel gehabt, dass ich lebend geblieben bin…schwimmen konnte ich nicht. Ich war zufällig, in der Zeit, wie die Patria bombardiert wurde…das heißt, sie wurde nicht bombardiert…die Haganah wollte nicht…die Patria, das war ein französisches Schiff, Passagierschiff…Militär…also, am Anfang war es ein Passagierschiff und nachher für Truppen…Truppentransporter. Was war die Absicht? Warum wollten sie uns auf die Patria schicken? Sie haben gesagt, weil es ist…waren doch zusammen mit den Leuten, die nicht mehr raufgekommen sind, mit Leuten von der Atlantik. Es waren doch drei Boote, die gefahren sind entlang der Donau: Uranus, Helius…noch eines…Schönbrunn. Und…die wollten nicht…hat man uns…die Leute, die auf der Patria schon waren, wo ich auch war…an dem Tag…die Haganah wollte doch nicht, dass man uns wegschicken sollte, wenn wir schon hergekommen sind. Nach Mauritius…die Absicht war, uns nach Mauritius zu schicken. Warum? Weil die haben…die Engländer waren im Verdacht, dass…unter so viel tausend Leuten sind sicher Spione da, aus Deutschland. Also so, dass Leute, wie das…damals hat man noch keine Erfahrung gehabt mit חומ נפצ [hebr.: explosives Material]. Die Haganahes gibt sogar ein Buch darüber…hat auf das Schiff gebracht…also, Proviant und alle Sachen. Und dazwischen war auch חומ נפצ [hebr.: explosives Material], das man in den Maschinenraum hereingelegt hat, dass es explodieren soll. Warum? Das internationale Gesetz sagt: „Einen Schiffbrüchigen, den kann man nicht zwingen nochmal mit dem Schiff zu fahren.“ Also so, dass wir geblieben sind. Das war 9:30 Uhr, ich erinnere mich bis jetzt. Und ich war…dort hatten wir einen Raum, wo wir gebetet haben. Wir haben das Gebet--

 

LSY: --ihr wusstet, dass das passieren wird, dass das hochgehen wird?

 

BM: Wir wussten das nicht!

 

 

1/00:36:30

 

 

LSY: Man hat euch nicht gewarnt?

 

BM: Nein, nein. Soweit ich gehört habe, nachher…dass einer von den Transportführern, die uns gebracht haben, haben gewusst, dass das die Absicht…aber das wollte man uns nicht erzählen, weil man keine Panik machen wollte. Um halb zehn, באמצע ה [hebr.: in der Mitte von]…mitten in תפלה [hebr.: Gebet] היה פצוץ גדול ואני ההיתי בבית הכנסת [hebr.: gab es eine große Explosion und ich war in der Synagoge]…בית הכנסת זה היה  [hebr.: die Synagoge war] in der Kabine. Die portholes…auf dem Schiff gibt es doch…entlang den portholes gehen doch die Rohre vom steam. An denen habe ich mich angehalten. Weil das Schiff hat begonnen schon mehr oder weniger…zu gehen. In der Zwischenzeit sind so viele getötet worden, weil wahnsinnige Mengen von מים [hebr.: Wasser] sind ins Schiff rein. Darunter sind auch viele Engländer…haben da gut bezahlt, weil die am Schiff waren, die Engländer. Und ich habe mich so angehalten an den Schiffsrohren. Mit dem Kopf habe ich immer rausgeschrien: „Hilfe! Hilfe! Hilfe!“ Und ich war, wie man sagt, angezogen…also durch den porthole konnte man mich dort nicht rausholen. Weil man gesagt hat: „Zieh dich aus!“. Habe ich alles runtergenommen, bin nur geblieben mit der Unterhose. Und habe mich so…und es ist mir gelungen rauszukommen. Als ich rausgekommen bin – und das Schiff ist schon so gestanden –, bin ich schnell runtergelaufen. Soll nicht noch eine Explosion sein. Und zu dieser Zeit waren die Australier…New Zealander Truppen…das war während des Kriegs…die waren doch zusammen mit den Engländern…sind mit Booten gekommen und haben uns weg--

 

LSY: --aufgenommen.

 

BM: Aber nachdem ich doch nicht schwimmen konnte…und es waren sicher, ich weiß nicht, zehn Meter oder wie viel. Aber wie man sagt, der Hund schwimmt…habe ich so gemacht. [Deutet Paddel-Bewegung an.] Es ist mir gelungen zum Boot zu kommen. Mit dem Boot sind wir…hat man uns nachher gebracht in den Schiffs…in den מחסנים של הנמל [hebr.: Hafenlagerhäuser]. Was weiß ich…bin vorher geblieben mit der Unterhose. Hat man uns Decken gebracht vom ישוב  [hebr.: Jischuw] und so. Nachher kann ich Ihnen noch viel erzählen von denen auch. Dort waren wir den ganzen Tag und ich war noch so verblödet auch. Man hat uns damals Sandwiches gebracht vom ישוב  [hebr. Jischuw]. Ich erinnere mich wie heute. Die Sandwiches, das war doch mit Margarine, mit Wurst oder irgendwas drauf und ich war sicher, dass es fleischig und milchig ist und nicht zusammen zu essen. Habe ich das nicht gegessen. Bis am Abend bin ich hungrig geblieben. [Lacht.] Nachher hat man uns nach Atlit geführt und dort waren wir schon ein Jahr.

 

LSY: Ein Jahr lang wart ihr dann im Lager von Atlit?

 

BM: Ich war in Atlit von 25. November bis zum 7. Oktober. Das ist hier geschrieben. Warum? Und die anderen sind noch geblieben. Aber mich haben sie früher befreit…warum? Weil ich doch…damals war ich doch achtzehn Jahre oder wie viel…und haben sich nicht vorgestellt, dass ich auch einer von den Spionen bin. Als Kind haben sie mich nachher befreit…am 7. Oktober bin ich nach Kiryat Haim gefahren. Dort hat die…meine Schwester von der ersten Frau--

 

LSY: --ersten Ehefrau.

 

BM: Ja. Und dort war ich die erste Zeit.

 

 

1/00:40:03

 

 

LSY: Und in Atlit, wie war das Jahr? Wie habt ihr da gelebt?

 

BM: Ich war dort schon auch…ich konnte nicht sitzen und nichts tun. Wir haben alle gelebt…in Baracken. Dort…wir mussten auch für uns sorgen, die Leute…um das Essen vorzubereiten. Also, die Frauen haben gearbeitet in der Küche והתנדבתי, אבדתי במטבח [hebr.: und ich habe als Freiwilliger in der Küche gearbeitet]. [Lacht.]

 

LSY: Immer hast du freiwillige Arbeit gemacht. [Lacht.]

 

BM: Ja, immer freiwillig!

 

LSY: Und hattest du noch irgendeinen Kontakt nach Österreich? Hattest du noch irgendeinen Kontakt mit deiner Mutter, am Anfang?

 

BM: Ich habe versucht meine Mutter zu erreichen. Also, was ich die erste Zeit von ihr gehört habe, wie ich hier schon dort war, dass man sie nach Theresienstadt geschickt hat. Und in Theresienstadt war sie wahrscheinlich. Ich habe auch ein Buch von Theresienstadt…ich wollte sehen, ob sie erscheint…erscheint nicht dort. Man hat sie von dort nachher nach Łódź geschickt…Litzmannstadt in Polen, ins Ghetto. Und von dort habe ich einen Brief bekommen durch das Rote Kreuz, von meiner Mutter. Sie hat mir geschrieben, was sie mir schreiben konnte: „Ich bin da, gesund und fühle mich gut.“ Und so. Since…seit damals…

 

LSY: Nie wieder etwas gehört.

 

BM: Auch das habe ich gebracht zu…Yad Vashem. Wollte wissen, ob sie wissen, was…also so, dass ich heute zum Beispiel wie Jom Kippur, nachdem ich doch…den Jahrestag nach meinem Vater halte ich doch nach תריך עברי. לפי התריך הלואסי של [hebr.: nach dem gregorianischen Kalender das Datum von Weihnachten], Christmas. Also so, dass ich heute den fünften Tewet halte. Und außerdem…Jom Kippur halte ich auch, nachdem ich doch nicht weiß von meiner Mutter, wie und wann ausgekommen ist, halte ich…für den Vater und für die Mutter. [Schluchzt.]

 

LSY: An den Tagen. Das ist natürlich…dass man noch nicht einmal genau weiß, was passiert ist--

 

BM: --ich hatte keine…ich weiß überhaupt nichts!

 

LSY: Und keinen Ort, an den man gehen kann.

 

BM: Vielleicht kann ich durch euch…kann man das irgendwie rausfinden?

 

LSY: Ich kann auch noch mal versuchen zu recherchieren, aber…Yad Vashem, das sind eigentlich die Experten.

 

BM: Das sind die Experten. Ja, das wollte…das will ich Ihnen sagen. Aber wenn die mir nicht helfen konnten…

 

LSY: Vielleicht, es gibt--

 

BM: --was wollten Sie noch fragen?

 

LSY: Sie wurden dann befreit aus Atlit, [19]41--

 

BM: --[19]41, am 7. Oktober. Dann bin ich weiter nach Kiryat Haim gefahren. Dort hatte ich meine Schwester. Die Schwester, von der ersten Frau meines Vaters. Die hat geheiratet hier im Land. Bin ich ein paar Tage gewesen. Die ganzen sieben Tage, dass ich nicht gearbeitet habe. [Lacht.] Nachher hat man mir, durch seine Beziehungen, die er gehabt hat in Kiryat Haim…hat er mir arrangiert, dass ich arbeiten konnte in der britischen army. Das war ein army store, royal engineer store. Dort habe ich gearbeitet…am Anfang habe ich ziemlich schwer gearbeitet. Auch, wie man sagt, mit schwarzer Arbeit, geschleppt, קרשים [hebr.: Bretter] und die Sachen. Nachher hat man jemanden gesucht, der Englisch kann. Nachdem ich doch in der Schule, in der Mittelschule, gelernt hatte auch Englisch a bissl [ein bisschen]. Also habe ich…hat man mich überführt zu arbeiten in בכל בגבולות [hebr.: an den Grenzen]. Dort habe ich eine längere Zeit…eine Zeit gearbeitet im בכל בגבולות [hebr.: an den Grenzen]. Seinerzeit konnte man ja auch nicht nach…kommen, wie heißt es…nach Israel mit dem Flugzeug…das Flugzeug, bevor das landet, macht doch immer einen סביבוב [hebr.: eine Runde]. Und nachdem die Grenzen…am Jordan war wenig los, also hat man gebracht die Leute into Haifa Airport. Und Haifa Airport, nachdem ich längere Zeit im בכל בגבולות [hebr.: an den Grenzen] gearbeitet habe, hat mein Chef…beschlossen hat, dass ich nach Haifa Airport gehe. Noch mit drei שוטרים [hebr.: Polizisten]. Das habe ich vergessen zu sagen: הם גשעו אותי [hebr.: sie suspendierten mich], als die Engländer weg sind…ich sage ja, ich habe so viel zu erzählen! Wir können da sitzen bis morgen--

 

 

1/00:45:17

 

 

LSY: --ich habe genug Zeit! [Beide lachen.]

 

 

Ende von Teil 1

 

 

Teil 2

 

 

LSY: Wir waren stehen geblieben: Sie haben dann beim Airport Haifa angefangen zu arbeiten.

 

BM: Ja, ich war verantwortlich am Airport Haifa. Habe, nachdem die Flugzeuge anstatt nach Ben Gurion [Ben Gurion Flughafen, Tel Aviv]…die konnten nicht kommen, weil sie, bevor sie kommen, machen sie doch einen סביבוב [hebr.: eine Runde]. Damals waren sie noch…wie heißt es…nicht weit von der Grenze, von der jordanischen Grenze, sind sie nach Haifa gekommen. Dort war ich verantwortlich, in Haifa, circa drei Monate. Und nachher, als schon Waffenstillstand war und Ben Gurion Airport geöffnet hat, hat man mich nach Airport Ben Gurion geschickt. Dort war ich auch verantwortlich die erste Zeit. Ich wollte zwar nicht gehen, weil ich war…habe meine gottselige Frau kennengelernt. Und die Absicht war--

 

LSY: --die haben Sie hier in Haifa kennengelernt?

 

BM: Sicher! Und die Absicht war es zu heiraten. Aber der Boss hat gesagt: „Du musst gehen.“ Sage ich immer…aber das war nicht richtig, was ich ihm gesagt habe. Ich habe gesagt: „Ich habe die Absicht zu heiraten und du schickst mich nach Ben Gurion!“ [Lacht.] „Du, geh! Ich werde schon dafür sorgen!“ Aber wirklich hat er mir die Gelegenheit gegeben. Nach drei Monaten bin ich zurückgekommen. Ich habe Ihnen noch vergessen zu erzählen: Wie die Engländer…ich habe doch bei den Engländern gearbeitet, habe ich gesagt. Wie sie die repatriation…also, zurückgefahren sind die Engländer, hat man mich von [Kiryat] Motzkin…ich war doch im army camp in Motzkin, wie ich gesagt habe…hat man mich überführt nach Haifa Airport. Dort hat die evacuation von den englischen Truppen begonnen. Nachdem doch in Haifa, nachdem die Engländer weg sind, keine  שמירה[hebr.: Aufpasser] war. Haifa Port war הפקר כמו שאומרים. אז אמרו לי  [unklar] עם משטרת ישראל, מה יש לי משטרת ישראל [hebr.: herrenlos, wie man sagt. Also sagten sie mir [unklar] mit der israelischen Polizei. Was habe ich mit der israelischen Polizei?] אין לי מוצר אין ברירה  [hebr.: Ich habe keine Ware…keine Wahl]. Die erste Zeit, so wie ich Ihnen gesagt habe, habe ich auch gearbeitet in Haifa Port,  בכל בגבולות [hebr.: an den Grenzen] überführt, ich soll arbeiten in בכל בגבולות [hebr.: an den Grenzen]. Nachher habe ich hier gearbeitet, war ich verantwortlich als paymaster. Einige Jobs…whatever you want!

 

LSY: Und während des Unabhängigkeitskrieges waren Sie noch in der משטרה [hebr.: Polizei]?

 

BM: Nein, nein. Ich war in der משטרה [hebr.: Polizei] von [19]48. Im [19]48er-Jahr haben die doch evakuiert, die Engländer. Von [19]48 bis [19]55. [19]55, nachdem ich auch in der משטרה [hebr.: Polizei] einen sehr guten Job gehabt hatte, [unklar] bekommen habe und gute Beziehungen gehabt habe auch mit ZIM, ist da einer von den Chefs von ZIM zu mir gekommen, hat zu mir gesagt: „Hättest du Lust bei uns zu arbeiten im ZIM?“ Sage ich: „Ja.“ פתאום יום אחד [hebr.: Plötzlich, eines Tages]…eines Tages ruft er mich an: „Komm’, fang an bei ZIM zu arbeiten“. Also damals war ich schon verheiratet.

 

LSY: Wann haben Sie geheiratet?

 

BM: [19]49er-Jahr. Am 5. Juli [19]49.

 

LSY: Und woher kam Ihre Frau?

 

BM: Meine Frau hat auch viel mitgemacht. Meine Frau ist geboren in Wilna, in Litauen. Das war seinerzeit Litauen und einmal war es Polen und so weiter. Und war…hat durchgemacht alle Lager. War zum Schluss in Stutthof im Lager. [Seufzt.] Da können Sie ein Bild sehen von meiner Frau, da im Schlafzimmer.

 

LSY: Werde ich mir nachher anschauen.

 

BM: Ja, schauen Sie es an. Glückliche…50 glückliche Jahre gelebt. [Weint.] Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich so etwas noch erleben werde. Glücklich! Could not…wie sagt man?

 

LSY: Could not have been better!

 

BM: Could not have been better! Meine Frau hat mir gesagt: „Wenn man dir anbietet ZIM…ist doch besser als in der Polizei zu sitzen. Du gehst!“ Sage ich: „Aber Lea, אין לי מושג מהטעבודה בצים. מה אני אבוד בחברה [hebr.: Ich habe keine Ahnung von der Arbeit bei ZIM. Ich bin verloren].“ לא, אתה תלך אני מכיר אתך  [hebr.: Nein, du gehst, ich kenne dich!] [Lacht]. נגסתי לצים גם כן הצלחתי מאוד [hebr.: Ich bin zu ZIM und war dort dann auch sehr erfolgreich.] 32,5 Jahre. Es ging mir gut. Was soll ich denn sagen? Das Einzige, das nicht gut war, dass meine Frau…die Eltern habe ich verloren und die Frau auch weggegangen ist. So eine süße Frau und eine kluge Frau. [Weint.] Auch sie war sehr…hat viel mit התנדנבות [hebr.: Freiwilligenarbeit] gearbeitet. Hat mit der UNRRA [United Nations Relief and Rehabilitation Administration] gearbeitet auch. Eine intelligente Frau und eine schöne Frau. Ich will…Sie sollen das sehen nachher.

 

 

2/00:05:34

 

 

LSY: Wann ist sie gestorben?

 

BM: [Seufzt.] 1997. Am 31. Dezember. Für mich war das…זה הרג אותי [hebr.: das hat mich umgebracht]. Fünfzehn Jahre war ich nachher noch in meiner Wohnung. Ich konnte nicht beschließen wegzugehen. Eines Tages…ich gehe weg…es hat zwar mit dem nichts zu tun. Eines Tages gehe ich…nein, ich bleibe in der Wohnung. Aber man wird ja älter. Und hier…habe ich ein Telefonat bekommen: „Wir haben jetzt ein freies Zimmer“, ich soll kommen. Bin ich gegangen, habe ich probiert, probation…probiert hier zu sein. Einen Monat zu sehen, wie das ist, ob ich mich überhaupt anpassen kann an diese Bedingungen. Habe ich gesehen, es ist für mich gut hier. Habe ich alles…alles frei: Essen, Trinken, Schlafen, wie sagt man…תרבות [hebr.: Kultur]?

 

LSY: Kultur.

 

BM: Kultur und die התעמלות וניקיון פעם בשבוע [hebr.: Gymnastik und Reinigung einmal pro Woche]. אני לא צריך בבית פחדתי  [hebr.: ich muss hier nicht [unklar], zuhause habe ich mich noch gesorgt [unklar]].

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: Mich interessiert auch noch…als Sie damals angekommen sind, war das schwer für Sie sich einzuleben?

 

BM: Wo?

 

LSY: Hier, als Sie…damals noch Palästina…angekommen sind, war das schwer sich einzuleben?

 

BM: Also, ich war doch…ich habe Ihnen doch gesagt, die erste Zeit habe ich auch in Atlit gearbeitet, in der Küche…am Anfang…war ich verantwortlich für die Frauen, die Kartoffeln geschält haben und die Sachen, um das Essen vorzubereiten.  אחר כך המ קבעו שאני משגיח אז בשבילי זה היה ... טוב הייתה [unklar] [hebr.: Später haben sie entschieden, dass ich aufpasse. Für mich war es…gut, es war [unklar].]

 

            .

[Kurze Unterbrechung: Milrom fragt, ob es in Ordnung ist, Hebräisch zu sprechen.]

 

 

BM: Ich habe mich schnell eingeordnet.

 

LSY: Und die Sprache haben Sie auch schnell gelernt?

 

BM: Ich konnte…  תראי[hebr.: schau], ich bin doch aus religiösem Heim und habe daheim gelerntחומש, תנ"ך, גמרה, [hebr.: Chumasch, Tanach (5 Bücher Mose), Talmud]. Also, verstanden habe ich fast alles. Ich habe mich zu…musste mich ein bisschen daran gewöhnen. Ich bin nicht gegangen…Iwrit lernen. [Lacht.]

 

LSY: Ja, Sie haben das dann relativ schnell gekonnt.

 

BM: Mehr oder weniger perfekt. Also, ich kann noch immer etwas dazulernen. Es ist nie zu spät.

 

LSY: Aber das Leben war ja sehr anders als das, was Sie in Baden gekannt haben.

 

BM: Sicher! Ein ganz anderes Leben!

 

LSY: Vor allem ohne Eltern, ganz alleine hier im Land.

 

BM: Nicht nur ohne Eltern, auch das Umstellen von…du lebst mit deinen Eltern zusammen und auf einmal bist du allein wie ein Hund. Da habe ich mich allein auf die Füße gestellt. Mir hat keiner geholfen. Ich habe keine Protektion gehabt, von niemandem. Ich habe keinen hier gekannt. Nachher habe ich die Leute kennengelernt. In der ersten Zeit…auch im ZIM habe ich die erste Zeit schwer gearbeitet, um hineinzukommen. Gut…auch damals gut verdient, natürlich mit ערגה יותר נמוכה [hebr.: niedrigere Erwartungen]. Aber was ich heute…als ich weggegangen bin und habe schöne Fortschritte gemacht אד שהייתי פקיד פחיר [hebr.: bis ich leitender Mitarbeiter war].

 

LSY: Eine selbst aufgebaute…Karriere.

 

BM: Es ging mir gut.

 

LSY: Und zwei Töchter hast du?

 

BM: Nein, ich habe einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter ist hier und der Sohn ist in Amerika, in New Jersey. Hier habe ich zwei Enkel und auch in Amerika. Hier zwei Jungs und in Amerika ein Junge und ein בחורה [hebr.: Mädchen]. Der Junge aus Amerika ist heute schon 24 Jahre alt. Der ist jetzt hier, hat sich freiwillig gemeldet…er ist doch Amerikaner…er will im Militär sein, eineinhalb Jahre. Jetzt ist er hier im Militär. Ich… הישראלים משתלטים לא ללכת והוא בא [hebr.: die Israelis versuchen nicht zu gehen und er kommt]. Aber er hat darauf bestanden, also konnte ich ihm nicht nein sagen. Jetzt ist er…nachdem er doch auch in Amerika studiert hat…das hat mit dem nichts zu tun, das erzähle ich Ihnen nur so.

 

LSY: Ist aber interessant.

 

BM: Er hat Kriminologie studiert. Also ist er hergekommen…mit Auszeichnung auch Kriminologie beendet. Wollte vielleicht ein bisschen in einem Job arbeiten, wo er etwas zu tun hat mit den Sachen. Also hat er gebeten zu gehen zur military police, משטרה צבאית, המודיעין‎‎  [hebr.: Militärpolizei, Nachrichtendienst] מודיעין אמרו לו כן, אם אתה תישאר כאן שירות [unklar] [hebr.: Der Nachrichtendienst hat ihm gesagt, ja, wenn du hier bleibst und drei Jahre Dienst]…im Vorhinein drei Jahre zu beschließen…das sind nicht drei Tage. Hat er nun…nachdem er beschlossen hat eineinhalb Jahre, ist er in der Militärpolizei in ירושלים [hebr.: Jerusalem].

 

 

2/00:11:17

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: Ich habe Sie gerade noch gefragt: Kommen Ihre Enkel Sie oft besuchen, oder?

 

BM: Wo, hier? Hier kommen sie, weiß nicht, ein bis zweimal in der Woche…der Enkel. Und meine Tochter…mit meiner Tochter bin ich in Verbindung jeden Tag. Telefonisch zwei…at least…wenigstens zweimal, manchmal dreimal. Und auch sie kommt zweimal in der Woche. Und der Sohn kommt von Zeit zu Zeit auch hierher, aus Amerika.

 

LSY: Und du bist nur einmal zurückgefahren, nach Österreich, oder?

 

BM: Ich bin nach Österreich…das wollte ich nämlich sagen. Nachdem ich gesehen habe, was die uns angetan haben, hatte ich innerlich beschlossen: „Nach Österreich will ich schon nicht mehr fahren.“ Aber eines Tages bekomme ich eine Einladung von Österreich. Die haben doch so die Leute, die in Deutschland und in Österreich waren…die haben die Plätze, wo sie gewohnt haben…haben sie eingeladen auf eine Woche. Man hat mich eingeladen, ich soll hinkommen mit meiner Frau, für zehn Tage nach Österreich. Das wollte ich…wenn man mich schon einlädt…ich allein wollte nicht fahren. Dann fahren…warum nicht? Ich will es sehen. Ich will vergessen was war. Also bin ich seinerzeit mit meiner Frau gefahren. Und nachher, nach ein paar Jahren, nachdem man doch, wie ich Ihnen gesagt habe, בית הכנסת [hebr.: Synagoge] renoviert hat, haben sie uns auch eingeladen…wir sollen kommen, das בית הכנסת [hebr.: Synagoge] sehen. Meine Frau hat schon nicht mehr gelebt, bin ich mit meiner Tochter gefahren. Und meine Tochter war ganz glücklich. גר איזה מקום יפה. אתה  [unklar] והכל [hebr.: Was für ein schöner Ort…du hast gelebt [unklar]…und das alles]. Das war einmal.

 

LSY: Die Leute waren nicht so נחמדים [hebr.: angenehm]. Wie war das dann für Sie, als Sie das erste Mal auch wieder da waren? Sind die ganzen Erinnerungen wieder hochgekommen?

 

BM: Ich habe mich…mehr oder weniger habe ich mich erinnert. Gut, das erste Mal bin ich nach Österreich gekommen…war ein bisschen komisch, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt und habe mich angepasst und alles…habe gesehen, was ich sehen wollte. Das Wichtigste war, meiner Frau zu zeigen, wie ich gelebt habe und wo ich gelebt habe. Aber wie ich Ihnen gesagt habe, der Hund hat mich nicht reingelassen.

 

LSY: Man hat Sie nicht reingelassen.

 

BM: Ich werde nie vergessen, wie die Italienerin mir gesagt hat: „Dass der Sie nicht reinlässt…ich verstehe, das ist doch ein Nazi“, sagt sie mir. [Steht auf.] „Das ist doch ein Nazi.“ Ich werde Ihnen sagen, der hat Angst gehabt. Ich weiß auch warum. Wir haben doch alles dort gelassen. Der hat sicher Angst gehabt, wenn ich komme, ich will meine Sachen zurückverlangen. Das ist meine Ansicht. Das hat mir sicher persönlich sehr, sehr wehgetan. Aber, I had no choice, wie man sagt. Ich habe…gut, dass sie gekommen ist: „Warten Sie, ich komme hinunter und helfe Ihnen.“ Sind wir reingegangen und ich habe meiner Frau gezeigt. Habe ihr noch gesagt, dort haben…im Haus hängen zwei große…ein Haus und einen sehr großen Garten, einen Hügel gehabt, wo meine Mutter ihren Schmuck vergraben hat. Und das war schade, aber das heraus…ich wusste ja nicht genau, dass es hier ist und das war von…vielleicht ein Viertel Dunam oder wieviel. Kann ich…weiß ich, wo das בדיוק  [hebr.: genau] ist. Nach so viel Jahren liegt das in der Erde.

 

 

2/00:15:06

 

 

LSY: Sind Sie mit Ihrer Frau auch noch mal nach Vilnius gefahren, wo sie hergekommen ist?

 

BM: Nein.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: Was war für Sie am allerwichtigsten, was Sie Ihren Kindern an Erziehung mitgeben?

 

BM: Erstens Erziehung. Und, dass sie ein leichteres Leben haben sollen, als ich gehabt habe. Und, dass sie nicht davon wissen sollen. Wenigstens nicht genug, dass ich viel durchgemacht habe, so wie Sie gehört haben. Sie haben nur ein bisschen gehört.

 

LSY: Sie haben Ihren Kindern nie so viel erzählt?

 

BM: Meiner Tochter und meinem Sohn, von Zeit zu Zeit habe ich ihnen das erzählt. Aber so wie ich sage, ich kann noch da reden ohne…  בלי סוף [hebr.: ohne Ende]. Aber ich habe dafür gesorgt, dass beide studieren sollen. Haben studiert…gelernt hier…und haben ein Fach bekommen. Mein Sohn arbeitet selbstständig, wie ich Ihnen gesagt habe, הוא בונה [hebr.: er baut] והבת היא ... מקצוע מורה [hebr.: und die Tochter ist Lehrerin]. Die Tochter hat gearbeitet 21 Jahre als Lehrerin. Aber nachdem sie ihre Stimme verloren hat…sie war in Klassen mit über 40 Kindern--

 

LSY: --da verliert man seine Stimme.

 

BM: Ja, hat sie ihre Stimme verloren. Musste sie die Arbeit aufgeben, arbeitet sie heute auch als מתאם העיריה גם כן בחנוך [hebr.: kommunale Koordinatorin ebenfalls für den Unterricht]. Und für היא אחראית לחוגים בחיפה על הכרמל [hebr.: sie ist zuständig für die Klassen auf dem Karmel in Haifa]. Und Gott sei Dank…sie arbeitet schwer und sie hat es…das Wichtigste ist ja, dass man Genugtuung hat von der…dass sie zufrieden sind mit der Arbeit. Dasselbe war bei mir…wie schwer ich gearbeitet habe. Ich meine, ich habe ohne Stunden gearbeitet. Erstens habe ich gut verdient und ich wollte noch immer…ich habe doch gar nichts gehabt! Ich bin gekommen, ich habe niemanden hier gehabt, der mir einen Groschen gibt…so, dass ich im Laufe der Jahre schön vorwärtsgekommen bin.

 

LSY: Das haben Sie auch an Ihre Kinder weitergegeben?

 

BM: Ja.

 

LSY: Und wenn Sie heute über Ihre Identität sprechen würden, würden Sie sagen, sie sind 100-prozentig Israeli oder gibt es da auch noch irgendwas?

 

BM: Nein. Heute bin ich zu 100 Prozent Israeli. Ich sehe mich…viele sagen mir: „Warum hast du nicht eingereicht für einen österreichischen Pass…dass deine Kinder umsonst studieren konnten?“ Erstens einmal, ich konnte das auch, wenn ich wollte…ich wollte es nicht machen. Ich weiß nicht, ob ich es gemacht hätte. Aber konnte ich es machen, ich weiß nicht, ob ich es gemacht hätte. Warum? Ich bin doch staatenlos.

 

LSY: Ja.

 

BM: Sie haben doch gesehen, den…ich habe doch den Pass fotografiert. Der wurde nachher legalisiert in Österreich, als staatenloser Pass. Also, staatenlos konnte ich die Staatsbürgerschaft von Österreich nicht bekommen. Und sogar, wenn ich…ich habe mich nicht danach gesehnt. Ich wollte sie auch nicht, nach so vielen Jahren. Du lebst…und nachher siehst du, wie man dich behandelt. Genug, genug.

 

 

[Ende des Interviews.]