Rosner, Hedwig, AHCJ 8

Videos
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Allgemeines
Schlagwörter ALT: 
Alija
Betar; Zionistische Jugendorganisation
Schlagwörter für Suche: 
Klosterschule ; Wien / Neubau Alija Betar (Zionistische Jugendorganisation) WIZO (Women's International Zionist Organization) Ehemann ; Schaliach ; Kanada Canadian Arthritis and Rheumatism Society Knowles School für Boys
relevante Bundesländer: 
Wien
Wiener Bezirke : 
7. Bezirk
Person
Geburt: 
Geburtsort (Land, Stadt/Ort): 
Österreich
Wien
Geburtsadresse: 
Westbahnstraße 54, 1070
Geburtsdatum: 
1924
Geburtsjahr: 
1924
Geburtsorte: 
Geburtsland: 
Flucht-/Emigrationszeitpunkt: 
nach dem ‚Anschluss‘
Vorname: 
Hedwig
weitere Vornamen: 
Yochewed
Nachname: 
Rosner
Geburtsname: 
Hedwig Reiss
allenamen: 
Hedwig Rosner Yochewed Hedwig Reiss
allenamen anzeige: 
Hedwig Rosner alternative Schreibweisen: zweiter Vorname: Yochewed Weitere Nachnamen: Geburtsname: Hedwig Reiss Jüdischer Name:
Geschlecht: 
weiblich
Herkunft Mutter: 
Österreich-Ungarn, Galizien und Lodomerien
Herkunft Vater: 
Österreich-Ungarn, Galizien und Lodomerien
Biografie: 
Hedwig Rosner wurde 1924 in Wien geboren und lebte mit ihrer Familie im 7. Wiener Gemeindebezirk, wo sie eine Klosterschule besuchte. Durch ihre Mitgliedschaft in der zionistischen Jugendorganisation Betar war es ihr im November 1938 möglich, nach Palästina zu flüchten. Dort schlug sich Rosner zunächst mit zahlreichen Jobs durch, unter anderem als Arbeiterin in einer Ölfabrik. Später war sie in verschiedenen Funktionen im Sozialbereich tätig. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte Rosner in Haifa.
Interview
InterviewerIn: 
Lisa Schulz-Yatsiv
Sitzungsanzahl: 
1
Art des Interviews: 
Video
Dauer des Interviews: 
02:26:23
Sprache(n) des Interviews: 
Deutsch
Datum des Interviews: 
3. Juli 2013
Transkribiert von: 
Lennert Pfeiffer
Ort des Interviews: 
Ort des Interviews (Land,Bundesstaat, Stadt/Ort): 
IsraelHaifa
Bestand: 
LBI Jerusalem
Bearbeitung des Interviews/Schnitt: 
Tom Juncker
Beruf
Beruf/Beschäftigung: 
Anmerkung Beruf: 
Bei Familie Rotter und danach bei einer anderen Familie, vgl. autobiographische Sammlung, S. 19 f.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Berufsbereich (Pflichtfeld): 
Anmerkung Beruf: 
Bei diversen Leuten privat geputzt und schecht behandelt worden, vgl. autobio. Sammlung, S. 21 ff.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Berufsbereich (Pflichtfeld): 
Anmerkung Beruf: 
Arbeitete in einem kleinen Kiosk-Restaurant. [Adina]: laut autobiografischerm Text ist es ein Bordell, siehe S.23, 24.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Berufsbereich (Pflichtfeld): 
Anmerkung Beruf: 
Kurz wieder bei Familie Rotter tätig, vgl. 25 ff.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Berufsbereich (Pflichtfeld): 
Anmerkung Beruf: 
Arbeitete in einer Öl-Fabrik als einzige Frau und nur mit Arabern zusammen, vgl. S. 27.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Berufsbereich (Pflichtfeld): 
Anmerkung Beruf: 
Betreute psychisch kranke, meist ältere Menschen bei sich zuhause.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Anmerkung Beruf: 
Arbeitete nach ihrer Ausbildung als Sozialarbeiterin.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Anmerkung Beruf: 
Arbeitete als Sozialarbeiterin im Welfare Departement (Sozialministerium) [Adina] Und für die Organisation Ilan, vgl. autobiogr. Sammlung S. 47, wie auch in Kanada.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Anmerkung Beruf: 
Vgl. autobiografische Sammlung, S. 67 f.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Anmerkungen Beruf: 
Hier generell Angaben aus der autobiografischen Sammlung eingefügt. [Adina]
Lebensstationen
Organisationen: 
Organisation: 
Betar - Österreich, Wien Wien
Ausbildung: 
Ausbildungstyp: 
Pflichtschule
Anmerkung Ausbildungsstätte: 
Besuchte eine Klosterschule im 7. Bezirk.
Ausbildungsstätte: 
Klosterschule (convent school) Halbgasse, 1070 - Österreich, -Wien
zur Zeit des ‚Anschlusses‘ besucht: 
ja
bis: 
1938
Ausbildungstyp: 
Pflichtschule
Anmerkung Ausbildungsstätte: 
Besuchte kurzzeitig eine Schule in Haifa, nach ihrer Ankunft dort.
Ausbildungsstätte: 
School - Palästina, -Haifa
Ausbildungstyp: 
Berufsausbildung
Abschluss Ausbildung: 
abgeschlossen
Anmerkung Ausbildungsstätte: 
Macht die Ausbildung zur Sozialarbeiterin in Tel Aviv.
Ausbildungstyp: 
Hochschule
Abschluss Ausbildung: 
abgeschlossen
Anmerkung Ausbildungsstätte: 
Master in "Rehabilitation und klinischer Psychologie" (vgl. autobiografische Sammlung, S. 70)
relevante Lebensstationen: 
Art der Lebensstation: 
Ausbildungsort
Kindheitsort
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Österreich
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Wien
computed city: 
computed land: 
Art der Lebensstation: 
Ausbildungsort
Emigrationsort
Anmerkung: 
Kam in Haifa an und besichte dort kurzzeitig eine Schule, lebte aber in einem WIZO Heim in Kirjat Bialik.
Land (Lebensstation): 
Palästina
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Haifa
computed city: 
computed land: 
Art der Lebensstation: 
Emigrationsort
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Palästina
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Kirjat Bialik
computed city: 
computed land: 
Israel
Geocoding Land Lebensstation: 
POINT (34.851612 31.046051)
Emigrationsort (nur Länderbezeichnung)2: 
Israel
Emigrationsort (nur Länderbezeichnung): 
Israel
Geocoding Land Lebensstation2: 
POINT (34.851612 31.046051)
Art der Lebensstation: 
Arbeitsort
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Palästina
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Jokne'am
computed city: 
computed land: 
Israel
Geocoding Land Lebensstation: 
POINT (34.851612 31.046051)
Emigrationsort (nur Länderbezeichnung): 
Israel
Art der Lebensstation: 
Arbeitsort
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Israel
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Haifa
computed city: 
computed land: 
Israel
Geocoding Land Lebensstation: 
POINT (34.851612 31.046051)
Emigrationsort (nur Länderbezeichnung): 
Israel
Art der Lebensstation: 
Arbeitsort
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Israel
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Ramat Hadar
computed city: 
computed land: 
Art der Lebensstation: 
Arbeitsort
Ausbildungsort
Wohnort
Anmerkung: 
Lebte mit ihrer Familie in Ramat Gan, arbeitete dort als Krankenpflegerin, und studierte nebenbei in Tel Aviv.
Land (Lebensstation): 
Israel
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Ramat Gan
computed city: 
computed land: 
Israel
Geocoding Land Lebensstation: 
POINT (34.851612 31.046051)
Emigrationsort (nur Länderbezeichnung): 
Israel
Art der Lebensstation: 
Arbeitsort
Wohnort
Anmerkung: 
Lebte 3 Jahre in Kanada ab 1964. Laut autobiografischer Sammlung in Winnipeg, S. 48.
Land (Lebensstation): 
Kanada
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Winnipeg
computed city: 
computed land: 
Art der Lebensstation: 
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Israel
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Haifa
computed city: 
computed land: 
Israel
Geocoding Land Lebensstation: 
POINT (34.851612 31.046051)
Emigrationsort (nur Länderbezeichnung): 
Israel
Emigrationsroute
Flucht-/Emigrationsroute: 
Land: 
Deutsches Reich
Stadt/Ort: 
Wien
Flucht/Emigrationsjahr: 
1938
Flucht-/Emigrationsdatum: 
November 1938
Land: 
Palästina
Stadt/Ort: 
Netanja
Flucht/Emigrationsjahr: 
1938
Transkripte
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Transkript Text: 

Teil 1

 

 

LSY: Interview mit Hedwig Rosner am 03.07.2013, interviewt von Lisa Schulz-Yatsiv. Ich fange ganz am Anfang an. Was können Sie mir noch…was für Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Großeltern?

 

Spricht über
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Transkript Textausschnitt

LSY: Können Sie sich noch an irgendwelchen Antisemitismus erinnern vor [19]38? Irgendwelche Beleidigungen, irgendwelche--

 

HR: --naja sicher. Ich hatte einen Milchbruder. Wissen Sie, was ein Milchbruder ist? Vis-à-vis bei uns in der Westbahnstraße war ein Hausmeister…Hausbesorger. Und die hat einen Buben geboren, wie ich geboren wurde. Und meine Mutter hatte keine Milch. Und gegen Bezahlung hat sie mich mitgefüttert, sozusagen. Der hat auch Kurt geheißen. Milchbruder hat das damals… Und ich habe gewusst, wer das ist, weil die sind weiter geblieben dort – Hausbesorger – und wir haben weiter dort gewohnt. Und da gibt es den Urban-Loritz-Park in der Westbahnstraße und dort bin ich eigentlich aufgewachsen, als kleines Kind. Und Freunde von dort…und dieser Kurt…ich weiß immer noch, wie er geheißen hat, mein Milchbruder. „Saujüdin! Geh’ nach Palästina!“ Hat mich angespuckt und so weiter. Und ich habe mich immer gewundert. Eigentlich sind sie doch verwandt…ich habe nicht genau verstanden wieso, aber wenn man mir erzählt hat, das ist mein Milchbruder…also, das ist ein Erlebnis. Aber ich habe dort…dort waren noch andere. Man hat mein Auge verletzt mit einem Diabolo-Stab damals…Nazi. Ein Nazi hat sich nicht gewusst.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Aber auf die Juden: „Du, geh’ nach Palästina!“ Und so weiter. Aber ich habe ihm gesagt: „Warte nur, mein großer Bruder kommt, der wird dich schon verhauen!“ Und das war so meine Rettung immer, im Park. Weil ich war sehr viel im Park. Weil meine Eltern haben keine Zeit gehabt für mich. Das erinnere ich mich. […]

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spricht - Über: 
Antisemitismus vor dem ‚Anschluss‘
Transkript Textausschnitt

[…] es war immer langweilig in der Schule. Interessant ist für mich die Schule geworden erst die letzten ein, zwei Jahre. Ich bin bis zur achten gegangen. Aber da waren schon die Nazis überhand. In unserer Klasse war schon eine Gruppe, eine unterirdische Gruppe von Kindern…wie hat das geheißen?

 

LSY: Hitlerjugend.

 

HR: Hitlerjugend. Und da waren auch Lehrer, die den Unterschied schon gemacht haben. Die haben zum Beispiel, wenn wir Prüfungen oder Schularbeiten gehabt haben, haben die denen ausgebessert und geholfen und die Juden nicht einmal ignoriert, wie man so schön sagt. Also da waren schon--

 

LSY: --wie viele Juden waren in der Schule?

 

HR: Wir waren fünf oder sechs jüdische Mädels zwischen 30 oder 32. Die Klassenlehrerin, Meltz hat sie geheißen…Melt, sowas. Ich habe sie geliebt und geschätzt. Sie war enorm interessant. Sie hat Geografie und Geschichte unterrichtet. Und zu ihr bin ich gegangen. Sie war sehr…ich habe sie sehr geschätzt. Aber wie der Hitler gekommen ist, ist sie sofort Schuldirektorin geworden. Das heißt, sie war auch schon illegaler Nazi. Aber es hat scheinbar illegale Nazis gegeben, die trotzdem menschlich waren zu anderen Menschen. Das hat es auch gegeben. Da ist aber dann aus Deutschland ein kleiner Mann gekommen, so groß war er. [Deutet mit der Hand die Größe an.] Der ist Klassenlehrer geworden, anstatt ihr. Sie ist sofort Direktorin geworden. Und der hat am zweiten Tag schon gesagt: „Alle Juden aufstehen und in die letzte Bank gehen.“ Die Bänke waren viersitzig. Viersitzig in der Klasse. Also, alle sind aufgestanden, haben sich niedergesetzt, aber ich war die fünfte sozusagen. Ich bin übergeblieben. Und das war eine leere Bank. Und da hatte ich eine Freundin…sie war gar nicht so eine Freundin, aber sagen wir Freundin. Sie war nicht Freundin, ich habe sie nicht ausgesucht, wir waren nicht besonders…aber sie war auch mit mir im Kloster. Ich habe Fotografien von ihr. Sie war auch im Kloster. Und diese…Christine Danek hat sie geheißen…mir wird kalt am Rücken, wenn ich daran denke…ein bisschen läuft es mir kalt über den Rücken. [Deutet auf ihren Rücken.] Diese Christine Danek…wie ich aufgestanden bin und sie hat gesehen, dass ich allein auf der Bank sitze…sie ist aufgestanden, hat sich neben mich gesetzt. Das war im [19]38er-Jahr. Man wusste schon was mit den Juden geschieht. Sie haben schon den Boden gerieben, haben die Straßen gewaschen, man hat sie schon eingesperrt. Diese Christine Danek…das heißt, mit dreizehn, vierzehn Jahren…unvergesslich…hat sich neben mich gesetzt.

 

 

1/00:24:55

 

 

Viele Jahre später habe ich ein Programm gehört…wir waren nicht besonders befreundet. Wir waren Freunde, dass wir uns gegenseitig besucht haben. Aber das war einfach, weil wir zusammen aufgewachsen sind. Und weil es ja ein Mensch war. Und die Eltern haben gehabt, am Brunnenmarkt a Standl [einen Stand], also nicht Philosophen…einfach Menschen. Das hat sie…die Christine Danek. Ja, da habe ich hier ein Programm gehört in Deutschland…man sucht Verwandte, man sucht Bekannte, man sucht. Jahre später. Ich habe dort hingeschrieben: „Ich suche eine Freundin.“ Und habe ihnen geschrieben. Ich habe diese…Schallplatte heißt das. Die haben mir gegeben von dem in München, diese Aufnahme, diesen Film, den habe ich da sogar. Dass ich möchte sie gerne sehen und mich bei ihr bedanken, was sie damals… Ich habe Jahre später begriffen, was sie für mich getan hat. Wie wir Kinder waren, konnte ich das ja nicht so… Und die haben sie wirklich gefunden. Das heißt, es hat sich jemand gemeldet, eine Verwandte von ihr, die gesagt hat: „Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“ Christine Danek. Die haben mir dann…von dieser Television haben sie mir diese Platte geschickt. Erlebnisse, die man nie vergisst. Erlebnisse, die auch den Menschen bilden, wie sagt man…formen. […]

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spricht - Über: 
Mut einer Schulkameradin nach dem ‚Anschluss‘
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LSY: Sie wollten noch eine Geschichte mit den Arabern erzählen.

 

HR: Unbedingt. Ich habe sie in meinem Tagebuch geschrieben. Einen der Plätze, wo sie mich hingeschickt haben arbeiten, war in der Altstadt, in Haifa in der Altstadt…in einen kleinen Kiosk auf der Ecke, wo dahinter ein Bordell war – was ich nicht wusste.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

Und die mich geschickt hat, von der revisionistischen Abteilung, die hat gewusst, ich bin fünfzehn, sechzehn Jahre. Das hat sie nicht gestört, was aus mir wird. Von drei Uhr nachmittags bis drei Uhr nachts habe ich dort gearbeitet. Von drei Uhr nachmittags bis zwölf Uhr nachts im…das war ein kleiner Kiosk-Restaurant…fish and chips…Engländer sind gekommen, fish and chips essen. Araber sind gekommen. Und dann von zwölf Uhr nachts bis drei Uhr früh habe ich dort die…das Geschirr gewaschen…damals war keine Geschirrmaschine. Und Zwiebeln und Kartoffeln geschält für den nächsten Tag. Und nachmittags, wenn ich bedient habe, sozusagen als Kellnerin…da war wie so eine riesige Station von den Engländern…das waren hohe Polizei-Offiziere…oder Geheimdienst, das war irgendeine Sache…die sind hereingekommen, Kaffee trinken und fish and chips. Und damals war ein riesiger arabischer Markt in Haifa bis zum Ausgang von Haifa. Von Haifa bis zum Ausgang. Ein riesiger arabischer Markt. Der ganze Hadar [Hadar HaCarmel] von Haifa war arabisch damals. Da bin ich um drei Uhr nachts zu Fuß nach Hause gegangen, dort habe ich gewohnt mit meiner Freundin. Von dort sind Araber gekommen, auch essen dort, Kaffee trinken und so weiter. Und die haben angefangen, mit mir zu reden. Ich habe nicht geantwortet. Ich war damals wie schizophren. Ich habe mit Leuten nicht gesprochen. Ich habe Angst…wahrscheinlich habe ich Angst gehabt. Nicht verstandesgemäß, aber gefühlsmäßig habe ich Angst gehabt. Ich habe nichts gewusst von dem Bordell dahinter. Dort sind die Frauen gekommen, gesagt: „Na komm’ nachher dich ein bisschen unterhalten.“ Aber ich bin da drei in der Nacht allein nach Hause gegangen, durch den arabischen… Und manche sind gekommen und haben gefragt: „Warum arbeitest du, wieso?“ Und manche…na gut. Und da war ein Araber, gut angezogener Mann, mit Krawatte und so. Ich wusste woher er kommt. Der hat ein großes Stoffgeschäft gehabt im arabischen Markt. Wenn ich spazieren gegangen bin, ist er manchmal dort gesessen und ich habe ihn gesehen. Und der ist auch Kaffee trinken gekommen. Und der hat mit einmal gesagt: „Ich habe drei Töchter, aber ich möchte keine von ihnen da arbeiten lassen.“ Ich habe ihm nicht geantwortet. Eines Tages, vormittags, gehe ich spazieren am Hadar in Haifa und treffe dort einen Bekannten von meinem Vater, mit dem er den Tempel gegründet hat in der Schottenfeldgasse. Herr…auch Reiß geheißen. „Herr Reiß, was machen Sie da?“ Sagt er: „Ich bin auf der Patria gekommen.“ Erinnern Sie sich, Patria? Mit meiner Frau und meinem Sohn. Und ich suche eine Unterkunft.“

 

Und ich…jetzt will ich Ihnen etwas sagen: Ich schwöre bei meinem Leben und dem Leben aller, die ich lieb habe…ich erzähle die Wahrheit. Weil es ist…wie immer, wenn ich es erzähle, glaube ich mir selber nicht. Wirklich. Mit meinen sechzehn, siebzehn Jahren sage ich zu ihm: „Wissen Sie was: Ich kann Ihnen helfen mit einer Wohnung, wenn Sie mir und der Liesl ein Zimmer geben in Ihrer Wohnung und uns nicht herausschmeißen, wenn wir nicht genau den Zins zahlen am Ende vom Monat.“ Wir haben immer bezahlt, aber nicht pünktlich. „Kommen Sie mit mir.“ Und ich gehe mit dem Herrn Reiß in den Souk zu diesem Araber. Und ich sage zu diesem…mir wird kalt, wenn ich daran denke…ich spreche nicht mehr…keiner hört zu, sowieso. Ich komme zu dem Mann und sage zu ihm: „Passen Sie auf! Sie haben mich einige Male gefragt, warum ich da arbeite. Und ich habe Ihnen nicht geantwortet. Jetzt will ich Ihnen was sagen: Ich arbeite dort, weil ich bin allein und ich muss mein Leben verdienen.“ Vier Pfund im Monat, eineinhalb Pfund hat die Wohnung gekostet und wir haben kaum zum Leben gehabt…weil ich leben muss. Aber nachdem wir manchmal nicht den Zins Ende des Monats genau zahlen können, schmeißt man uns immer raus und wir müssen alle zwei, drei Monate ein Zimmer suchen. Und damals hat man noch Zimmer mieten können. „Aber, wenn Sie mir helfen diesem Herrn eine Wohnung zu verschaffen, dann hätte ich vielleicht wo zu wohnen wo man mich nicht jeden Monat herausschmeißt. Das ist ein Bekannter von meinem Vater.“ Der Araber…ich schwöre Ihnen, es ist wahr…der Araber geht zum Laden, nimmt einen Schlüssel heraus, so einen vollen…ein Schlüsselbund, ein riesen Schlüssel, gibt den dem Herrn Reiß und sagt zu ihm: „Passen Sie auf: Das ist eine Wohnung in der Hanamal-Straße, vis-à-vis dem Eingang zum Hafen. Eine Sechs-Zimmer-Wohnung. In einem Zimmer wohnt ein arabischer Student, der geht aber Ende vom Jahr weg. Da haben Sie die Wohnung. Geben Sie dem Mädel eine Wohnung, passen Sie auf sie auf. Sie ist ein gutes Mädel.“ Wir sind eingezogen in diese Wohnung…die war verwanzt, die Wanzen sind die Wände rauf…arabisches Haus. Dieser Araber hat diesem Mann eine Wohnung gegeben ohne Geld, ohne Danke, ohne nichts. [Hebt die Stimme.]

 

 

3/00:20:19

 

 

LSY: Weil er Ihnen helfen wollte.

 

HR: Weil er mir helfen wollte. Ich glaube es mir selber nicht, wenn ich es erzähle. Dort habe ich gewohnt mit der Liesl. Dieser Herr Reiß mit seiner Frau…waren typische Wiener dreckes. Dort bin ich mit Gelbsucht krank geworden, nicht einmal ein Glas Tee haben sie gefragt, ob ich brauche. Ich bin schwanger geworden mit der Hannah, mit meiner Ältesten. Ich wusste…Entschuldigung…ich wusste ja nicht, wieso. Aber so geschah es. Ich war so froh, dass ich einen Freund habe. Aber das… Er wusste auch nicht mehr…nicht absichtlich. Aber wie ich verstanden habe…wie ich angefangen habe zu brechen und wie diese Frau Reiß mir sagt: „Du bist ja scheinbar schwanger.“ [Äfft Stimme nach.] Sage ich: „Wieso?“ Habe ich dem David gesagt: „Da will ich nicht wohnen bleiben. Da will ich kein Kind kriegen. Da gehen wir zurück nach Jokne’am aufs Land.“ Am Land, wie arm es nicht ist, ist es sauber. Zurück aufs Land. Und so geschah es.

 

LSY: Und dann seid ihr zurück nach Jokne’am.

 

HR: Diese Familie Reiß hat die Wohnung dann verkauft für Schlüsselgeld und sich eine Wohnung gesucht…gewohnt in einem neuen Haus am Hadar. Ich habe sie dort besucht. Haben uns nicht einen Groschen gegeben. Wir waren zu blöd. Wir haben nicht gewusst, dass wir etwas verlangen könnten. Wir haben die Zimmer vermietet einzeln, haben Geld verdient dabei. Ein Glas Tee hat sie mir nicht gegeben, wie ich gelegen bin. Da soll ich an die Kultur vom Menschen glauben? Fromm waren sie auch.

 

LSY: Hilft nichts.

 

HR: Aber das ist…und ich will Ihnen was sagen: Im Lauf der Jahre haben wir uns eine kleine Wohnung in Safed gekauft, wo wir unseren Sommer…Sommerwohnung, kleine zwei Zimmer, aber ein Balkon über den Tiberias-See. Ich habe die Wohnung geliebt. Sehr billig, ganz bescheiden und so weiter. Und ich habe dort zwölf Jahre…dann haben wir sie verkauft für diese Wohnung. Ich habe den…dem David konnte ich das nicht sagen, weil der David war nicht so eingestellt. Aber ich habe mir die ganze Zeit…wenn ich wüsste, der hat mir gesagt, der hat drei Töchter. Ich habe seinen Namen nicht gewusst, von dem Araber. Wenn ich wüsste, die sind vielleicht irgendwo in Libanon, irgendwo in irgendwelche…wer weiß, wie sie dort leben, geflüchtet. Ich gebe ihnen diese Wohnung in Safed, ich gebe ihnen alles! Ich wusste seinen Namen nicht.

 

LSY: Haben Sie dann noch oft an den gedacht?

 

HR: Oft. Sie sind mit mir mein ganzes Leben. Ich weiß nicht, was aus denen geworden ist. Aber ich habe nichts gemacht. Ich habe dem seine…ich habe den Namen von dem Mann nicht gefragt, weil das haben die Erwachsenen zwischen sich verhandelt. Ich habe auch die Schlüssel nicht bekommen. Das war--

 

LSY: --interessante Erlebnisse.

 

HR: Ja. Meine Jugenderlebnisse…von der Art.

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Sich alleine durchschlagen als Jugendliche in Palästina
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LSY: Mit 30 haben Sie angefangen Sozialarbeit zu lernen?

 

HR: Mit 30 habe ich…ja. Wieso hat man mich da überhaupt genommen bitte? Wissen Sie, ich konnte weniger Iwrit als Sie, damals. Woher hätte ich…mit wem habe ich geredet…ich habe ja mit niemanden geredet. Also schreiben und lesen konnte ich überhaupt nicht. Iwrit…Straßen und so was.

 

LSY: Warum haben Sie sich damals entschlossen, Sozialarbeit nochmal zu studieren?

 

HR: Weil ich mein ganzes Leben einen Beruf wollte. Beruf ist teurer wie alles andere. Eine Frau muss einen Beruf haben, damit sie selbstständig sein kann. Unabhängig sein kann…auch ein Mann. Ich habe ja nicht geheiratet, damit jemand mich aushält. Ich habe oft meinen Mann ausgehalten. Bei harter Arbeit. Das war überhaupt nicht das Wichtige. Aber ich mich selber…mein Vater hat gesagt: „Nimm von niemanden etwas, arbeite…und das isst, was du verdienst.“ Und das war mein…das war mein Dings. Ich habe angefangen Geisteskranke aufzunehmen. Das ist eine Geschichte…auch eine Geschichte. Und habe gehabt Geisteskranke im Alter von sechzehn bis 50 Jahre. Jüngere, ältere. Ohne Frigidär, ohne Waschmaschine, ohne…gekocht, gewaschen, gemacht, alles. Ich war damals über zwanzig…21, 22 mit zwei kleinen Kindern…die Raja war noch ein Baby. Ich habe das alles geschafft. Erst habe ich eine, dann zwei Schizophrene gehabt, dann drei. Ich wusste damals nicht was Geisteskrankheit ist. Ich wusste damals nicht was schizophren…ich wusste gar nichts. Ich bin mit vierzehn ungebildet weitergegangen in meinem Leben. Ich wusste gar nichts. Ich habe auch kaum Bücher gelesen. Ich war viel zu müde, ich habe viel zu schwer gearbeitet.

 

 

[Übergang/Schnitt.]

 

 

LSY: …wie Sie zur Universität gekommen sind.

 

HR: Also wie gesagt, wir haben dieses schöne Haus gemietet in Ramat Gan. Ramat Gan, das ist ein…das ist ungefähr…damals war es eine Stunde von Tel Aviv, heute ist es…zwanzig Minuten. Und der David hat damals Arbeit gefunden…das war in einer fürchterlichen Zeit von Hunger und…Arbeit gefunden. Da war eine private Irrenanstalt ohne Pfleger und den David haben sie angestellt als Pfleger. Nicht einmal ein Koch war dort, also er hat das…was immer er dort gemacht hat. Und dieses Haus war zu mieten, ein komplettes Haus mit Möbeln, mit Geschirr, mit allem. Weil wir hatten ja nichts. Wir hatten ja nicht einmal Unterwäsche genug für uns selber…also wir hatten ja nichts. Aber das Haus war zu mieten, für 33 Pfund im Monat, wo der David 33 Pfund im Monat verdient hat. Das heißt wir haben dort zwei Monate gewohnt und keine Miete bezahlt und wir mussten dann raus aus dem Haus mit zwei Babys. Und inzwischen haben uns die Nachbarn ein bisschen kennengelernt, das hat lauter…ein Deutsch sprechendes Dorf, nur von Ostdeutschland irgendwo waren die meisten. Und kommt eine Nachbarin und sagt zu mir…sie hat gesehen, ich suche Arbeit im Haushalt, Waschen, Aufwaschen und so weiter. Sagt sie: „Schau: Da ist ein Mann, der sucht eine Unterkunft für seine Mutter, die vertragt sich nicht mit ihrer Schwiegertochter. Vielleicht nimm du sie, du hast doch…“ Sage ich: „Ich nehme den Teufel, wenn er zahlt dafür.“

 

Also der Herr Oppenheimer kommt…ein Ingenieur aus Bnei Berak, ein sehr gut aussehender Mann und sagt zu mir…und sage ich: „Schauen Sie: Alles schön und gut, ich bin da zwei Monate Zins schuldig, ich habe nicht…ich kann nicht.“ Sagt er: „Wenn ich Ihnen den Zins bezahle und Ihnen das arrangiere…nehmen Sie meine Mutter?“ Sage ich: „Den Teufel nehme ich auch.“ Er bringt mir seine Mutter, eine kleine bucklige Frau, die war schizophren. Ich wusste nicht, was das ist…schizophren. Ich habe das in meinem Leben nicht gehört, das Wort. Ich habe überhaupt nichts gewusst. Und diese Frau war ein Jahr bei uns. Ich habe für sie Mittag gekocht, aber nicht für uns, weil so viel habe ich nicht gehabt zum Essen. Also ihr habe ich Essen gegeben. Und sie hat mir den Tod gemacht, sie hat mir Blut gesaugt. Jeden Abend bin ich schlafen…weinend schlafen gegangen. Inzwischen hat der David…ich habe nicht gewusst, warum sie mich so quält. So eine kleine Frau…ich konnte nichts dagegen machen, aber ich musste sie erhalten wegen dem Geld, weil er hat unseren Zins bezahlt. Der David hat inzwischen Arbeit gefunden in einem Kinderheim, nicht weit. Und das war so irgendwie ein Anfang schon von etwas…und so weiter.

 

 

3/00:30:53

 

 

Nach dieser Frau, innerhalb der nächsten acht, neun Jahre hatte ich bis zu sechs, sieben Geisteskranke zur Pflege. Alte…alle Altersgruppen. Und alles allein gemacht: große Wäsche gewaschen, gekocht, gemacht…alles gemacht. Unsere Schulden abbezahlt, die sich…und so weiter. Und der David hat inzwischen…ist ins Lehrer-Seminar gegangen…er hat inzwischen gelernt. Er hat vormittags im Kinderheim…und dann ist er studieren gefahren, bei Nacht ist er zurück ins Kinderheim. Also das war…ein schönes Haus. Unsere Töchter erinnern sich an eine wunderschöne Kindheit in einer herrlichen Villa mit einem wunderschönen Garten, elegant eingerichtet…uns hat nicht ein Streichholz gehört davon. Und das ist ihre Jugenderinnerung. Unglaublich…unglaublich! Ich habe ganz andere Erinnerungen. Dass ich die Leute versorgen musste und dann bin ich rasch den Boden waschen gegangen. Beim Kreisler dort, weil ich ja Geld schuldig war, da habe ich den ihren Boden gewaschen, damit ich auch zahlen konnte. Ich habe wie ein Pferd gearbeitet. Ich habe noch Bekannte, die sich erinnern an mich. Und die Leute dort, das waren meistens Jeckes [Ugs. Bezeichnung auf Jiddisch für deutschsprachige jüdische EinwanderInnen in Palästina.], Deutsche, die haben uns geschätzt und gesehen, wie wir arbeiten. Trotzdem wir jung waren und…die sind alle mit Geld gekommen, die haben sich das kaufen können, das Haus…und die haben Hühnerställe gehabt. Aber die haben uns zu schätzen gewusst. Und sind uns irgendwie auch mit Achtung begegnet. Wir waren doch viel jünger.

 

Und so habe ich diese Jahre…und die ganze Lehrzeit habe ich…ich muss einen Beruf lernen. Ich habe nicht gewusst, dass es ein Beruf ist was ich mache. Ich war gewohnt an Arbeit. Also was war: Diese Kranken sind gekommen aus Spitälern. Damals hat es nicht gegeben was es heute gibt: halfway house. Die konnten von den Spitälern, von den psychiatrischen Spitälern, nicht zurück zu den Familien. Die Familien waren teilweise der Grund, dass das alles passiert ist dort. Und da haben sie gesucht, diese halfway houses…und ich war sozusagen ein halfway house. Und sie haben mir diese Kranken vom Spital gebracht. Die Psychiater…und die Psychiater sind dann auch gekommen kontrollieren, wie es ihnen geht. Und die kommen da zu uns nach Hause, und sehen mich mit meinen 22, 25, 26 Jahren…wie diese Geisteskranken, die gestern noch bei denen im Bett gelegen sind, weil sie geisteskrank sind, bei mir gearbeitet haben. Ich habe ja nichts Anderes gewusst. Ich habe denen gesagt: „Du, geh Geschirr waschen, du geh mach das, du geh mach das.“ Das ist alles, was ich gewusst habe, bitte. Nicht weil ich so gescheit war, weil ich so blöd war. Die Psychiater sind gekommen, haben ihren Augen nicht getraut.

 

Wie ich dann eines…wie der David fertig studiert hat, Lehrer geworden ist und seinen ersten Beruf als Lehrer in der Grundschule bekommen hat, habe ich gesagt: „Jetzt komme ich dran.“ Und meine Freunde, meine Verwandten haben gesagt: „Du bist nicht normal! Jetzt fängst du an zu verdienen…du verdienst Geld jetzt. Du zahlst deine Schulden, du verdienst, du kannst dir…“ Sage ich: „Ich arbeite nicht nur für Geld. Ich arbeite zum Essen. Jetzt hat der David…“ Winziges Gehalt hattest du als junger Lehrer. Ich muss einen Beruf lernen. Da war eine Sozialarbeiterin in der Gegend, die ist mich öfter besuchen gekommen, weil ich habe unter anderem als gute Nachbarin ein Baby von einer Nachbarin zur Pflege genommen, die Kinderlähmung bekommen hat. Amerikanerin. Und ich habe das Kind auch zu mir geholt, ohne Bezahlung. Und diese Nachbarin war auch Sozialarbeiterin. Da ist die immer nachschauen gekommen, wie das Baby bei mir ist und hat gesehen, was sich bei mir tut. Hat angefangen und gesagt: „Hedi, du musst lernen!“ Die hat mehr verstanden, was sie gesehen hat, wie was ich gewusst habe, dass ich mache. „Du musst lernen.“ Und die hat mir das so in den Kopf…was soll ich lernen? Ich will Schneiderin werden. Ich habe gefunden einen Arbeitsplatz als Schneiderin in Tel Aviv. Hat der David gesagt: „Kommt überhaupt nicht infrage!“ Sage ich: „Warum? Meine Mutter war Schneiderin, ich nähe gern.“ Hat er nicht erlaubt. Er war schon Lehrer, er hat schon bekommen…

 

 

3/00:35:24

 

 

Dann habe ich angefangen…ich habe doch keine Zeugnisse gehabt, keine Matura, kein Abschluss, keine Mittelschule. Da habe ich angefangen, von den Psychiatern, die mir ihre Kranken gebracht haben, Empfehlungsschreiben… Und damit bin ich dorthin gefahren und habe denen das gezeigt. Iwrit habe ich gesprochen, aber auch…mein Iwrit ist kein schönes Iwrit, was ich mit denen spreche. Aber das ist…damals war es noch weniger. Schreiben, lesen konnte ich nicht. Die haben mich dreimal herausgeschmissen, mich nicht genommen. Das war damals in der Kyria in Tel-Aviv, was heute ist…Kyria. Und da war eine Child Guides Klinik, von einem Dr. Pollack…Pellet. Und der hat mich kennengelernt über mein…eine Zeitlang haben wir gearbeitet in einem Kinderheim für juvenile delinquents in Tel Mond…da hat er mich kennengelernt. Ich habe mir gedacht, ich nehme…ich gehe mal zu ihm. Sagt er zu mir: „Pass einmal auf! Lasse das hier bleiben. Mit den Zeugnissen, ich arrangiere dir, du kannst studieren in Amerika. In anderthalb Jahren machst du deinen Abschluss, wozu brauchst du da…“ Ich komme nach Hause, sagt der David: „Du bist ja nicht normal. Was mache ich mit den zwei Kindern? Kommt überhaupt nicht infrage!“ Also bin ich noch einmal zu der Schule und wie ich das vierte Mal dort war…das dritte oder das vierte Mal…bei der Direktorin…ruft sie eine von den Lehrerinnen und sagt noch: „Die war ja schon da.“ Die haben mich beide angefangen noch einmal zu interviewen, mit mir zu reden. „Was wirst du machen, wenn du wohnst anderthalb Stunden mit dem Autobus entfernt von Tel Aviv und hast zwei kleine Kinder im Haus?“ Die wussten nicht, dass ich damals noch Pflegekinder gehabt habe. Das habe ich ihnen überhaupt nicht erzählt. „Wie wirst du das machen?“ Und ich mit meinem großen Mund sage: „Das ist überhaupt kein Problem. Ich habe einen pressure cooker. Mit dem pressure cooker kann ich kochen eins, zwei, ist kein Problem. Das ist kein Problem.“ Und das war für mich auch kein Problem, ich habe es ja gemacht. Also, die haben mich aufgenommen. Ja, und die Empfehlung von dem Dr. Pellet. Dr. Pellet hat die angerufen…hat sich dann herausgestellt…hat denen gesagt: „Ihr müsst die nehmen. Die müsst ihr nehmen.“ Der hat mich gekannt von dem Kinderheim. So habe ich angefangen, dort zu lernen.

 

Ich konnte nicht…die Vorträge nicht mitschreiben, weil ich kein Hebräisch konnte. Da habe ich sie mitgeschrieben mit deutschen Buchstaben, mit lateinischen Buchstaben. Teilweise übersetzt in Englisch. Französisch war ich damals noch perfekt, noch aus Wien. Übersetze in Französisch, in Deutsch und in Hebräisch mit lateinischen Buchstaben, mitgeschrieben, Kritzelei, unmöglich zu entziffern. Bin nach Hause gekommen um fünf Uhr Nachmittag, der David ist am Abend nach Hause gekommen. Erst hat sich hingesetzt der, dann hat er das ganze übersetzt auf Hebräisch. Ud wie alle im Bett waren, habe ich mich hingesetzt, das Ganze abgeschrieben auf Hebräisch. So habe ich schreiben gelernt. Ich habe zwei Jahre lang Durchfall gehabt vor Angst. Jedes Mal, wenn die Direktorin die Tür aufmacht, wusste ich: Jetzt schmeißt sie mich raus. Ich habe Prüfungen in…mir Zettel gefälscht…da gemacht. [Deutet auf die Innenseite ihres Rocks.] Der David hat mir diese Prüfungen gemacht, mir übersetzt. Ich wusste nicht immer genau um was es sich handelt und habe das abgeschrieben. Ich werde Ihnen das Ende erzählen von dem. Aber wie es zu der praktischen Arbeit…und das…Sozialarbeit ist sofort praktische Arbeit, gleichzeitig. Da habe ich angefangen zu arbeiten und diese Madrechar, die ich gehabt habe, das hat die wahrscheinlich irgendwie beeindruckt. Ja, sie hat mich auch nicht herausgeschmissen. Und bei der praktischen Arbeit war ich sehr gut. Ich habe mich mit den Jemeniten verstanden und mit den Irakern…ohne Sprache, mit Persern, die konnten kein Hebräisch, ich konnte kein Hebräisch, aber wir haben uns verstanden. Ich habe mit den Menschen gearbeitet in Petach Tikwa…das ist bekannt, Petach Tikwa. Ich habe dort, jahrelang…nie hat mich jemand bedroht. Dort hat man Polizei gerufen, dort war es gefährlich…schon vor 50 Jahren, wie ich dort angefangen habe. Mich hat nie jemand bedroht. Ich habe diese Schule dort fertig gemacht.

 

 

3/00:40:08

 

 

Die letzten…der letzte Tag waren drei Prüfungen…das hat einen Namen…mündliche Prüfungen von dem Ganzen was man gelernt hat. Mündlich. Und die letzte war Psychologie. Und wie ich mit allen fertig war, da war so…drei oder vier Professoren sind dort gesessen, die mich ausgefragt haben. Habe ich gesagt: „Darf ich jetzt…kann ich was sagen, bitte?“ Sage ich zu denen: „Ich möchte Ihnen bitte sagen, jetzt, wo ich am Ende bin, am Schluss bin: Ich war nie in einer Mittelschule, ich habe nie Matura…“ Ja, Entschuldigung! Matura habe ich gemacht. Ich musste Matura machen, damit sie mich ins zweite Jahr übernehmen. Das heißt…was habe ich Matura gemacht: ich habe gemacht London matriculation in Englisch, schriftlich. Und als Hauptfach habe ich angegeben Deutsch und Französisch und Hebräisch…was ich besser konnte wie die Engländer, die das dort geprüft haben. Das war meine matriculation. Auch ein Bluff, auch ein Schmäh. „Ich möchte Ihnen…dass ich das nie gemacht habe“, und so weiter. Und daraufhin sagt mir eine von meinen Lehrerinnen…da oben, diese Temaniya ist ein Geschenk von ihr. [Zeigt auf etwas.] Sagt zu mir: „Hedi, wir wussten das die ganze Zeit.“ Das heißt damals hat man Menschen aufgenommen, zu so einem Studium wie Sozialarbeit, nur, weil man beeindruckt war von der--

 

LSY: --Persönlichkeit.

 

HR: Von der Persönlichkeit. Und hat mich gelassen, zwei Jahre…ich habe Blut geschwitzt. Ich war ja zurück…die jungen…ich war 30 Jahre alt. Die anderen, die von der Mittelschule, die haben eine andere Bildung gehabt, abgesehen von Hebräisch. Blut habe ich geschwitzt. Und am Ende hat sie…Else Scherzer…eine Wienerin. Und wieso? Sie hat sich genau ausrechnen können, wo ich war die Jahre, die da gefehlt haben. Sagt so: „Hedi, wir wussten das die ganze Zeit.“ Und so habe ich meine…und ich habe eine schöne Karriere gemacht in der Sozialarbeit. Ich habe geendet, die letzten zwölf Jahre, beim Rechtsanwalt in der Rechtsabteilung vom Welfare Department. […]

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Schuften als Pflegerin und Studium der Sozialarbeit
Transkript Textausschnitt

[…] Passen Sie auf…ich lade…wir sind schon in Pension, der David und ich und wir waren jedes Jahr in Wien, weil wir dort unsere Verwandten, Freunde von der ganzen Welt…im April, im Mai…sie getroffen haben, viele Jahre. Das war wunderbar als Lebensabschluss für uns, muss ich sagen. Weil viele leben schon nicht mehr. Können nicht mehr fliegen…nicht mehr fliegen und fahren. Ich habe die Raja – meine jüngere Tochter – und ihre jüngere Tochter eingeladen nach Wien. Alle außer…unsere Enkel – außer einer Enkelin – waren alle in Wien. Die mussten alle sehen, wie natürlich…ich bin auch sehr glücklich, dass ich aus Wien gekommen bin. Das hat mir sehr viel gegeben. Kulturweise und… Wenn ich sage, „Ich bin stolz“, dann ist das ein Blödsinn. Ich bin zufällig dort geboren. Aber ich fühle irgendwie einen Stolz, dass ich österreichische Kultur…dass ich…klingt blöd, eins gegenüber dem anderen…so ist es. Muss ja nicht alles logisch sein, was ich sage. Die Logik soll jemand anderes tragen. Also, wir fahren in der Straßenbahn und meine Enkelin Yael…heute ist sie Lehrerin, damals war sie noch beim Militär oder gerade nach dem Militär…Yael sagt zu mir: „Ich habe nicht gewusst, dass du so viele Verwandte in Wien hast.“ Sage ich: „Yael, das sind keine Verwandten, das sind Freunde von mir, christliche Freunde.“ Intime, wirkliche Freunde. Noch aus der Hitler-Zeit. Und die wir im Laufe kennengelernt haben, uns alle. Sage ich: „Yael, das sind Freunde, nicht Verwandte. Aber sie sind mir so wert wie Verwandte.“ Wir fahren in der Straßenbahn und da sitzt der Chauffeur und da ist eine Bank für zwei Plätze und da ist eine Bank für zwei Plätze und da sind alle Bänke. Wir steigen…Ring rund…wo man mit Touristen fährt.

 

 

2/00:05:45

 

 

Und ich sitze hinter dem Chauffeur auf dieser Bank und der David und die Raja und die alle, die sind nach hinten sich Sitze suchen. Und ich sitze da und neben mir sitzt eine Bürgersfrau mit großem Busen und gut gekleidet, wie es sich so gehört. Da steigt so ein ziemlich zerfetzter Mann ein, sagt sie: „Schau einmal, wie der dreckig…“ Laut, man sollte es hören…wollte sie. „Schau mal, wie der dreckig ist, wieso steigt der in die Straßenbahn ein?“ Ich sage gar nichts. [Flüstert.] Zwei Haltestellen weiter steigt einer ein, der war noch ärger. Der hat gestunken, nach Alkohol, der war richtig zerfetzt und dreckig. Und sie hat schon sehr aufgeregt, sagt sie: „Also beim Hitler hätte so etwas nicht sein können!“ Daraufhin sitze ich neben ihr und sage zu ihr: „Das brauchen sie nicht so laut sagen, ich weiß das.“ Schaut sie mich an, sage ich: „Naja, wissen Sie, ich bin Jüdin, ich weiß das genau.“ Sagt sie: „Entschuldigen Sie! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das nicht gesagt.“ Das ist im Herzen von Österreich, bis heute. Ein Beispiel. Ein anderes Beispiel, das man auch lieblich nennen kann, wie man will: Wir kommen an in Wien, mit unseren beiden Töchtern. Und mit unseren beiden Töchtern…wir haben sie eingeladen damals. Auch Wien, Schule, Haus, wo wir gelebt haben. Naja, die sind…unsere Töchter sind alle noch immer österreichisch, weil sie…wir haben sehr viel gesprochen…zwei Eltern Österreicher, also das… Ich glaube, vielleicht haben wir auch irgendwie danach noch weiter gelebt und es hat irgendwie… Wir kommen an in Wien…es war zu Mittag…und meine beiden Töchter sehen die Kärntnerstraße, die Auslagen, die werden wild. Und ich sage zum David: „Du David, lauf’ ihnen nach, die verirren sich da…die werden wild da.“ Und ich bleibe auf der Bank sitzen dort. Die Bank wo es nach links geht…wie heißt es dort…irgendeine große Straße…vis-à-vis der Stephanskirche da. Ich sitze auf der Bank und da setzt sich ein Herr neben mich und ich mit meinem großen Mund, sage so: „Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir da ein Restaurant verraten, in der Nähe?“ Schaut er mich an, sagt er: „Wollen sie koscher essen?“ Sage ich: „Nein, ist mir zu teuer.“ Er hat es nicht schlecht gemeint. Er hat es nur erkannt. Das heißt: So, wie ich ausschaue, vor einigen Jahren, sagen wir vor fünf oder acht oder zehn Jahren, hat er es erkannt. Also der…das war nicht schlecht gemeint, aber es war typisch.

 

Ich kann Ihnen solche Beispiele geben ohne Ende. […]

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Antisemitische Erlebnisse in Österreich nach 1945
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Kurzbeschreibung: 
Autobiografische Sammlung von Rosner und ihrem Mann David, Israel 2006.
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WIZO ; Women's International Zionist Organization, Betar