Milrom, Baruch, AHCJ 1

Videos
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Allgemeines
Schlagwörter ALT: 
Alija
Zionistische Jugendorganisation
Schlagwörter für Suche: 
Agudath Israel Misrachi ZIM Baden bei Wien Hachscharalager Markhof Uranus (Schiff) Patria (Schiff) Rotgassentransport Gefangenenlager Atlit Staatenloser
relevante Bundesländer: 
Niederösterreich
Wien
Wiener Bezirke : 
2. Bezirk
Person
Geburt: 
Geburtsort (Land, Stadt/Ort): 
Österreich
Baden
Geburtsdatum: 
19. September 1921
Geburtsjahr: 
1921
Alte/alternative Bezeichnung Geburtsort: 
Geburtsland: 
Flucht-/Emigrationszeitpunkt: 
nach dem ‚Anschluss‘
Vorname: 
Baruch
Nachname: 
Milrom
allenamen: 
Baruch Milrom
allenamen anzeige: 
Baruch Milrom alternative Schreibweisen: zweiter Vorname: Weitere Nachnamen: Geburtsname: Jüdischer Name:
Geschlecht: 
männlich
Herkunft Mutter: 
Österreich-Ungarn, Galizien und Lodomerien
Herkunft Vater: 
Österreich-Ungarn, Galizien und Lodomerien
Biografie: 
Baruch Milrom wurde 1921 in Baden bei Wien geboren, wo seine Eltern ein Lebensmittelgeschäft betrieben. Nach dem ‚Anschluss’ wurde das Geschäft von SA-Männern geplündert, die Familie musste Baden kurze Zeit später verlassen. Mit Hilfe einer zionistischen Jugendorganisation konnte Milrom nach Palästina flüchten. Seinem Bruder gelang ebenfalls die Flucht, seine Eltern wurden jedoch in der Schoa ermordet. In Israel war Milrom unter anderem für eine internationale Schifffahrtsgesellschaft tätig. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte er in Haifa.
Interview
InterviewerIn: 
Lisa Schulz-Yatsiv
Sitzungsanzahl: 
1
Art des Interviews: 
Video
Dauer des Interviews: 
01:03:58
Sprache(n) des Interviews: 
Deutsch
Hebräisch
Datum des Interviews: 
20. Mai 2014
Transkribiert von: 
Lydia Burnautzki
Ort des Interviews: 
Ort des Interviews (Land,Bundesstaat, Stadt/Ort): 
IsraelHaifa
Bestand: 
LBI Jerusalem
Bearbeitung des Interviews/Schnitt: 
Tom Juncker
Beruf
Beruf/Beschäftigung: 
Anmerkung Beruf: 
Arbeitete für das britische Militär in einem Roayl Engineer Store.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Anmerkung Beruf: 
Arbeitete bei der Polizei, an den Grenzen und am Haifa Airport.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Anmerkung Beruf: 
Arbeitete für die Schiffahrtsgesellschaft ZIM in Israel.
Beruf (Pflichtfeld): 
Berufsort (Land, Stadt/Ort): 
Berufsbereich (Pflichtfeld): 
Lebensstationen
Organisationen: 
Anmerkung: 
War in Österreich Mitglied dieser Organisation
Organisation: 
Agudath Israel - Österreich
Anmerkung: 
Wechselte zu Misrachi weil diese Transporte nach Palästina organisierten.
Organisation: 
Misrachi - Österreich
Ausbildung: 
Ausbildungstyp: 
Pflichtschule
Abschluss Ausbildung: 
abgeschlossen
Ausbildungsstätte: 
Elementary school - Österreich, -Baden
Ausbildungstyp: 
Pflichtschule
Ausbildungsstätte: 
Middle school - Österreich, -Baden
relevante Lebensstationen: 
Art der Lebensstation: 
Ausbildungsort
Kindheitsort
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Österreich
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Baden
computed city: 
computed land: 
Art der Lebensstation: 
Wegpunkt
Wohnort
Anmerkung: 
Mussten von Baden für kurze Zeit nach Wien ziehen
Land (Lebensstation): 
Österreich
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Wien
computed city: 
computed land: 
Art der Lebensstation: 
Ausbildungsort
Wegpunkt
Bezeichnung der Lebensstation: 
Hachscharalager Markhof
Land (Lebensstation): 
Deutsches Reich
computed city: 
computed land: 
Art der Lebensstation: 
Haftort
Wegpunkt
Bezeichnung der Lebensstation: 
Gefangenenlager Atlit
Anmerkung: 
Kam in Haifa an, wurde jedoch gleich verhaftet und nach Atlit gebracht. War dort 1 Jahr im Lager.
Land (Lebensstation): 
Palästina
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Atlit
computed city: 
computed land: 
Israel
Geocoding Land Lebensstation: 
POINT (34.851612 31.046051)
Emigrationsort (nur Länderbezeichnung): 
Israel
Art der Lebensstation: 
Arbeitsort
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Palästina
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Kiryat Haim
computed city: 
computed land: 
Art der Lebensstation: 
Arbeitsort
Wohnort
Land (Lebensstation): 
Israel
Stadt/Ort (Lebensstation): 
Haifa
computed city: 
computed land: 
Emigrationsroute
Flucht-/Emigrationsroute: 
Land: 
Deutsches Reich
Stadt/Ort: 
Wien
Flucht/Emigrationsjahr: 
1940
Flucht-/Emigrationsdatum: 
September 1940
Land: 
Tschechoslowakei
Stadt/Ort: 
Bratislava
Flucht/Emigrationsjahr: 
1940
Flucht-/Emigrationsdatum: 
September 1940
Land: 
Rumänien
Flucht/Emigrationsjahr: 
1940
Land: 
Palästina
Stadt/Ort: 
Haifa
Flucht/Emigrationsjahr: 
1940
Flucht-/Emigrationsdatum: 
November 1, 1940
Transkripte
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Transkript Text: 

Teil 1

 

 

LSY: Heute ist der 20. Mai 2014. Dies ist ein Interview mit Baruch Milrom, interviewt von Lisa Schulz-Yatsiv. Wir befinden uns in Haifa, in der Wohnung von Baruch. Wir beginnen ganz am Anfang: Sie sind geboren in Baden--

 

BM: --in Baden bei Wien, ja. In Österreich, 1921, am 19. September.

 

LSY: Können Sie mir ein bisschen von ihrer Familie, von Ihrer frühesten Kindheit die Sie dort hatten, erzählen?

 

Spricht über
Transkript spricht über: 
Transkript Textausschnitt

LSY: Können Sie sich noch erinnern, als damals der Anschluss war, waren Sie und Ihre Familie überrascht darüber, wie begeistert die Österreicher die Deutschen empfangen haben?

BM: Ich muss Ihnen sagen, ich konnte…bis heute kann ich nicht verstehen…man hat so viele Jahre in Baden gelebt…nicht gefühlt, gar nichts. Über Nacht sind sie alle…das heißt, sie waren Nazis…gekommen und am nächsten Tag, Vormittag, am Sabbat Vormittag, sind sie schon herumgelaufen mit den SA-Uniformen, mit den Hakenkreuzen. Das was uns…du lebst in einem Land, wo du überhaupt nicht weißt…weil wir haben den Antisemitismus nicht gefühlt. Es war ein Antisemitismus. Aber wir persönlich haben das nicht gefühlt. Aber über Nacht ist alles ganz anders.

Vimeocode: 
255533223
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spricht - Über: 
Erinnerung an den ‚Anschluss’
Transkript Textausschnitt

LSY: Ich erinnere mich nur an das, was ich gelesen habe…dass Sie kurz nach der Reichskristallnacht, also noch [19]38…sind Sie dann auch nach Wien gefahren um sich anzuschauen, wie es dort ausschaut?

 

BM: Ja, ja! Ich bin mit einigen--

 

LSY: --das war sehr mutig!

 

BM: Am nächsten Tag, am 9. November…am Abend hat es begonnen, die Kristallnacht. Am nächsten Tag, um zehn Uhr Vormittag, bin ich noch nach Wien gefahren mit einer großen Tasche, die ich noch in meiner Wohnung hatte, mit Kuchen und auch Geflügel…man konnte ja nicht mehr schlachten. Die Leute wollten koscheres Essen…wir hatten dort einen Schochet gehabt in Baden, der hat geschlachtet und ich habe geschleppt…Hühner, so viel ich konnte. Zwei Hähne oder was und Kuchen, um das zu verkaufen. Also, wie ich nach Wien gekommen bin, am 10. November, höre ich die ganze Zeit, man schießt und…der polnische Tempel in Wien hat schon gebrannt. Und die haben in der Nähe gewohnt. Ich habe gesehen: „Es ist bitter, ich muss weglaufen“, und habe alles dort gelassen und bin schnell zurückgefahren zur Bahn, die nach Baden fährt, um schnell herauszukommen aus Wien. Ich habe Angst gehabt, dass sie mich noch nehmen werden. Und da erinnere ich mich noch bis heute, wie ich gekommen bin zum Zug. Und der Zug ist schon gestanden um nach Baden zu fahren. Das war ein elektrischer Zug zwischen Wien und Baden bei Wien. Ich habe schnell eine Zeitung gekauft und ich wollte nicht, dass sie mich sehen, dass ich ein Jud‘ [Jude] bin. Habe die ganze Zeit die Zeitung so gehalten. [Deutet Zeitung vor seinem Gesicht an.] Man soll mein Gesicht nicht sehen, bis ich abgefahren bin und es ist mir gelungen, Gott sei Dank, nach Baden zu kommen. Ich bin schnell heimgelaufen von der Station und war zusammen mit den Eltern. Ich sage, so viel zu erzählen ist unmöglich. [Lacht.] Gut, dass ich mich noch erinnere, mehr oder weniger.

 

LSY: Und in Baden hat man die Synagoge auch abgebrannt?

 

BM: Ja, sicher! In Baden haben sie die Synagoge nicht…auch verbrannt. […]

 

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255533074
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spricht - Über: 
Erinnerungen an die Novemberpogrome in Wien
Transkript Textausschnitt

Und in der Zwischenzeit wollten die Engländer doch nicht, dass illegale Transporte herkommen und sind doch immer nachgegangen, wenn sie Boote gesehen haben. Und wir sind entlang dem Mittelmeer gefahren…hin und nachher mussten wieder zurück. So sind wir hin- und zurückgefahren. Angekommen sind wir in Haifa, am 1. November 1940. Und nachdem man uns nicht reingelassen hat bis zum…sind wir circa zwei, drei Wochen an der Grenze von Haifa gestanden. Und am 25. November ist das doch mit der Patria passiert, dass sie gesunken ist. Und ich habe ein Massel gehabt, dass ich lebend geblieben bin…schwimmen konnte ich nicht. Ich war zufällig, in der Zeit, wie die Patria bombardiert wurde…das heißt, sie wurde nicht bombardiert…die Haganah wollte nicht…die Patria, das war ein französisches Schiff, Passagierschiff…Militär…also, am Anfang war es ein Passagierschiff und nachher für Truppen…Truppentransporter. Was war die Absicht? Warum wollten sie uns auf die Patria schicken? Sie haben gesagt, weil es ist…waren doch zusammen mit den Leuten, die nicht mehr raufgekommen sind, mit Leuten von der Atlantik. Es waren doch drei Boote, die gefahren sind entlang der Donau: Uranus, Helius…noch eines…Schönbrunn. Und…die wollten nicht…hat man uns…die Leute, die auf der Patria schon waren, wo ich auch war…an dem Tag…die Haganah wollte doch nicht, dass man uns wegschicken sollte, wenn wir schon hergekommen sind. Nach Mauritius…die Absicht war, uns nach Mauritius zu schicken. Warum? Weil die haben…die Engländer waren im Verdacht, dass…unter so viel tausend Leuten sind sicher Spione da, aus Deutschland. Also so, dass Leute, wie das…damals hat man noch keine Erfahrung gehabt mit חומ נפצ [hebr.: explosives Material]. Die Haganahes gibt sogar ein Buch darüber…hat auf das Schiff gebracht…also, Proviant und alle Sachen. Und dazwischen war auch חומ נפצ [hebr.: explosives Material], das man in den Maschinenraum hereingelegt hat, dass es explodieren soll. Warum? Das internationale Gesetz sagt: „Einen Schiffbrüchigen, den kann man nicht zwingen nochmal mit dem Schiff zu fahren.“ Also so, dass wir geblieben sind. Das war 9:30 Uhr, ich erinnere mich bis jetzt. Und ich war…dort hatten wir einen Raum, wo wir gebetet haben. Wir haben das Gebet--

 

LSY: --ihr wusstet, dass das passieren wird, dass das hochgehen wird?

 

BM: Wir wussten das nicht!

 

 

1/00:36:30

 

 

LSY: Man hat euch nicht gewarnt?

 

BM: Nein, nein. Soweit ich gehört habe, nachher…dass einer von den Transportführern, die uns gebracht haben, haben gewusst, dass das die Absicht…aber das wollte man uns nicht erzählen, weil man keine Panik machen wollte. Um halb zehn, באמצע ה [hebr.: in der Mitte von]…mitten in תפלה [hebr.: Gebet] היה פצוץ גדול ואני ההיתי בבית הכנסת [hebr.: gab es eine große Explosion und ich war in der Synagoge]…בית הכנסת זה היה  [hebr.: die Synagoge war] in der Kabine. Die portholes…auf dem Schiff gibt es doch…entlang den portholes gehen doch die Rohre vom steam. An denen habe ich mich angehalten. Weil das Schiff hat begonnen schon mehr oder weniger…zu gehen. In der Zwischenzeit sind so viele getötet worden, weil wahnsinnige Mengen von מים [hebr.: Wasser] sind ins Schiff rein. Darunter sind auch viele Engländer…haben da gut bezahlt, weil die am Schiff waren, die Engländer. Und ich habe mich so angehalten an den Schiffsrohren. Mit dem Kopf habe ich immer rausgeschrien: „Hilfe! Hilfe! Hilfe!“ Und ich war, wie man sagt, angezogen…also durch den porthole konnte man mich dort nicht rausholen. Weil man gesagt hat: „Zieh dich aus!“. Habe ich alles runtergenommen, bin nur geblieben mit der Unterhose. Und habe mich so…und es ist mir gelungen rauszukommen. Als ich rausgekommen bin – und das Schiff ist schon so gestanden –, bin ich schnell runtergelaufen. Soll nicht noch eine Explosion sein. Und zu dieser Zeit waren die Australier…New Zealander Truppen…das war während des Kriegs…die waren doch zusammen mit den Engländern…sind mit Booten gekommen und haben uns weg--

 

LSY: --aufgenommen.

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255535471
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spricht - Über: 
Explosion der Patria im Hafen von Haifa 1940
Transkript Textausschnitt

LSY: Mich interessiert auch noch…als Sie damals angekommen sind, war das schwer für Sie sich einzuleben?

 

BM: Wo?

 

LSY: Hier, als Sie…damals noch Palästina…angekommen sind, war das schwer sich einzuleben?

 

BM: Also, ich war doch…ich habe Ihnen doch gesagt, die erste Zeit habe ich auch in Atlit gearbeitet, in der Küche…am Anfang…war ich verantwortlich für die Frauen, die Kartoffeln geschält haben und die Sachen, um das Essen vorzubereiten.  אחר כך המ קבעו שאני משגיח אז בשבילי זה היה ... טוב הייתה [unklar] [hebr.: Später haben sie entschieden, dass ich aufpasse. Für mich war es…gut, es war [unklar].]

 

            .

[Kurze Unterbrechung: Milrom fragt, ob es in Ordnung ist, Hebräisch zu sprechen.]

 

 

BM: Ich habe mich schnell eingeordnet.

 

LSY: Und die Sprache haben Sie auch schnell gelernt?

 

BM: Ich konnte…  תראי[hebr.: schau], ich bin doch aus religiösem Heim und habe daheim gelerntחומש, תנ"ך, גמרה, [hebr.: Chumasch, Tanach (5 Bücher Mose), Talmud]. Also, verstanden habe ich fast alles. Ich habe mich zu…musste mich ein bisschen daran gewöhnen. Ich bin nicht gegangen…Iwrit lernen. [Lacht.]

 

LSY: Ja, Sie haben das dann relativ schnell gekonnt.

 

BM: Mehr oder weniger perfekt. Also, ich kann noch immer etwas dazulernen. Es ist nie zu spät.

 

LSY: Aber das Leben war ja sehr anders als das, was Sie in Baden gekannt haben.

 

BM: Sicher! Ein ganz anderes Leben!

 

LSY: Vor allem ohne Eltern, ganz alleine hier im Land.

 

BM: Nicht nur ohne Eltern, auch das Umstellen von…du lebst mit deinen Eltern zusammen und auf einmal bist du allein wie ein Hund. Da habe ich mich allein auf die Füße gestellt. Mir hat keiner geholfen. Ich habe keine Protektion gehabt, von niemandem. Ich habe keinen hier gekannt. Nachher habe ich die Leute kennengelernt. In der ersten Zeit…auch im ZIM habe ich die erste Zeit schwer gearbeitet, um hineinzukommen. Gut…auch damals gut verdient, natürlich mit ערגה יותר נמוכה [hebr.: niedrigere Erwartungen]. Aber was ich heute…als ich weggegangen bin und habe schöne Fortschritte gemacht אד שהייתי פקיד פחיר [hebr.: bis ich leitender Mitarbeiter war].

 

LSY: Eine selbst aufgebaute…Karriere.

 

BM: Es ging mir gut.

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spricht - Über: 
Einleben in Palästina
Transkript Textausschnitt

[…] Ich habe doch Baden gut gekannt, ich war doch viele Jahre…aber das Traurige in Baden war eines, wie ich mit meiner gottseligen Frau gekommen bin. Ich habe gesagt: „Ich will sehen…du sollst sehen, wo ich gelebt habe und wie ich gelebt habe.“ Ich bin hingekommen in mein Haus. Das war nicht unser Haus, aber von den Verwandten…von Verwandten das Haus. Wir hatten dort gewohnt und das Geschäft gehabt und die hatten über uns gewohnt. Und ich bin unten beim Tor im Garten und ich kann nicht reinkommen. Da habe ich geläutet. Kommt einer raus, der oben da gewohnt hat nachher, in der Wohnung von dem בעל הבתים [hebr.: Hausbesitzer]…von den Verwandten: „Was machen Sie? Wen suchen Sie hier?“ Habe ich ihm gesagt: „Ich bin aus Baden. Ich habe hier all die Jahre gelebt und ich wollte meiner…nachdem ich jetzt nicht mehr in Baden bin, meiner Frau zeigen, wo ich gelebt habe und wie ich gelebt habe. Wollen Sie das öffnen?“ Er ist verschwunden. Er hat schnell zugemacht das Fenster und wollte uns nicht sehen. Auf jeden Fall, nebenan hat eine Italienerin gewohnt, die hat das gehört. Hat sie mich gefragt: „Was ist da los?“ Habe ich ihr erzählt, dass ich das sehen wollte und hat er…er will mich nicht sehen. Sagt sie mir noch: „Ja, was willst du? Das ist doch ein Nazi.“ Der hat sicher Angst gehabt, dass ich nach Baden gekommen bin um zu sehen, was wir…wir haben doch alles dort gelassen, Möbel und alles, das ganze Vermögen, das wir gehabt haben. Bis heute haben wir noch in Baden Teile vom Schmuck von meiner gottseligen Mutter. Wir haben Angst gehabt, es in der Wohnung zu behalten, weil die alles weggenommen haben. Haben wir das begraben im Hof…das war so ein Hügel…begraben. Aber der ist so groß, dass man einen Traktor nehmen müsste und alles aufreißen. Das liegt in der Erde, wie man sagt.

 

LSY: Wann war das? Wann sind Sie nach Österreich gefahren? Zu Besuch nach Baden…was Sie gerade erzählt haben, wann war das?

 

BM: Zu Besuch nach Baden, das war…in den [19]60er-Jahren. Genau kann ich…ich habe es zwar irgendwo aufgeschrieben…aber in den [19]60er-Jahren.

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spricht - Über: 
Besuch in Baden nach 1945
Transkript Textausschnitt

LSY: Und wenn Sie heute über Ihre Identität sprechen würden, würden Sie sagen, sie sind 100-prozentig Israeli oder gibt es da auch noch irgendwas?

 

BM: Nein. Heute bin ich zu 100 Prozent Israeli. Ich sehe mich…viele sagen mir: „Warum hast du nicht eingereicht für einen österreichischen Pass…dass deine Kinder umsonst studieren konnten?“ Erstens einmal, ich konnte das auch, wenn ich wollte…ich wollte es nicht machen. Ich weiß nicht, ob ich es gemacht hätte. Aber konnte ich es machen, ich weiß nicht, ob ich es gemacht hätte. Warum? Ich bin doch staatenlos.

 

LSY: Ja.

 

BM: Sie haben doch gesehen, den…ich habe doch den Pass fotografiert. Der wurde nachher legalisiert in Österreich, als staatenloser Pass. Also, staatenlos konnte ich die Staatsbürgerschaft von Österreich nicht bekommen. Und sogar, wenn ich…ich habe mich nicht danach gesehnt. Ich wollte sie auch nicht, nach so vielen Jahren. Du lebst…und nachher siehst du, wie man dich behandelt. Genug, genug.

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spricht - Über: 
Identität
Empfehlung für Pädagogik: 
nein
Glossarvorschläge: 
ZIM, Misrachi, Agudath Israel